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"Abi Move" Anno 1682

In den Jahren 1856 und 1857 veröffentlichte Johann Georg Friedrich Pflüger im "Pforzheimer Beobachter" einen "Pforzheimer Geschichtskalender", der für heutige Historiker vor allem deshalb wertvoll ist, weil die Pflüger vorliegenden Quellen in diesem "Geschichtskalender" oftmals unverfälscht wiedergegeben werden.

So berichtete Pflüger am 29. Juni 1856 den staunenden Lesern des Beobachters von den Schülerfesten, die in den Jahren bis 1749 jährlich auf dem Rennfeld, der damaligen "Partymeile" der Stadt, stattfanden: "Die Jugend der Stadt wurde in langem Zuge, begleitet von ihren Lehrern, der Geistlichkeit, dem Stadtmagistrat und den Eltern der Kinder mit Musik, mit welcher fröhliche Gesänge abwechselten, auf das Rennfeld hinausgeführt, dort bewirtet und durfte sich mit heiteren Spielen bis zum Abend unterhalten, worauf dann der Zug in der nämlichen Ordnung in die Stadt zurückging und das Lied: „Nun danket alle Gott“, auf dem Marktplatz zum Schluß abgesungen wurde.

Bezahlt wurde dieser "Move" übrigens nicht aus einer fürstlichen, prinzlichen oder IT-technischen Schatulle, sondern von der Stadt Pforzheim. "In der Bürgermeisterrechnung von 1682 findet sich folgende darauf bezügliche Stelle: Als den 29. Juni d. J. die Schulkinder auf das sogenannte Rennfeld geführet und denenselben zur Erwekhung mehreren gotseligen euffers, dem alten herkommen gemäß, ein Schulfest daselbst gegeben worden, hat sich der deswegen angewendete uncosten zu gemeiner Stadtportion auf 10 fl 42 kr beloffen. Dieser Betrag - nach heutigem Geld durchaus eine stolze Summe - reichte aus, um "zwei Fuhren mit Birkenmayen", "drei Fuhren mit Zelten, Tischen und Stühlen" sowie Brot und Wein für die Schüler und Gäste zu finanzieren.

Daß es 1749 zum letzten Mal einen "Abi Move" gab, dürfte mit dem Verlauf des Festes von 1746 zu tun haben, über das Pflüger seinen Lesern am 24. Juli berichtete: Soldaten des in der Stadt liegenden Durlacher Regimentes wollten am gleichen Tag eine Party feiern und verlangten, daß die für die Schüler verpflichteten Musikanten die Soldaten unterhielten. Die Pforzheimer Bürger fackelten nicht lange, griffen zu Hacke und Schaufel und gingen auf die Soldaten los. Die Flößer mit ihren Stangen entschieden die Schlacht, und der Regimentskommandeur verhinderte durch sein Einschreiten ein "Blutbad". Gebrochene Knochen und sonstige schwere Verletzungen auf Seiten der Soldaten waren das Resultat der Prügelei - zumindest die Partylaune dürfte den Soldaten vergangen sein.

Ob die Abiturienten des Jahres 1914 mit ihrer Abiturpostkarte (Stadtarchiv Pforzheim S 5 Nr. 1943.2) die Erinnerung an diesen alten Brauch wachhalten wollten, wissen wir nicht. Immerhin sind die abgebildeten Schüler mittelalterlich gewandet, und die Stimmung dürfte 1682 wie 1914 ausgelassen gewesen sein - dafür dürfte schon der ausgeschenkte Wein gesorgt haben.