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Johannes Reuchlin: Augenspiegel

Vor 500 Jahren erschien zur Frankfurter Herbstmesse „Doctor Johannsen Reuchlins … warhafftige entschuldigung gegen und wider ains getaufften iuden genant Pfefferkorn vormals getruckt ußgangen unwarhaftigs Schmachbüchlin Augenspiegel“.

Obwohl in dem Buch keine Angaben zum Drucker und Erscheinungsort zu finden sind, kann es aufgrund der Drucktypen eindeutig der Tübinger Offizin von Thomas Anshelm zugeordnet werden, der dort das Werk im Jahr 1511 gedruckt hat.

Der Anlass für die Veröffentlichung des Augenspiegels war ein auf Geheiß von Kaiser Maximilian I. vom Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen angefordertes Gutachten zu der Frage, ob die von den Juden verwendeten Bücher beseitigt werden sollen. Denn laut Johann Pfefferkorn, der vom Judentum zum Christentum konvertiert ist, stellten die Bücher ein Haupthindernis bei der Bekehrung der Juden zum christlichen Glauben dar. Johannes Reuchlin sprach sich als einziger Gutachter gegen die Vernichtung des jüdischen Schrifttums aus und zog sich mit seiner Stellungsnahme Pfefferkorns Feindschaft zu. Pfefferkorn veröffentlichte 1511 zur Frankfurter Frühjahrsmesse die Schrift „Handtspiegel“, in der er Reuchlin scharf angriff, u. a. stellte er Reuchlins Rechtgläubigkeit und seine Kenntnisse der hebräischen Sprache in Frage. Hierauf antwortete Reuchlin mit seinem aus vier Teilen bestehenden „Augenspiegel“: Zunächst schildert Reuchlin die Gegebenheiten, die zu seiner Stellungsnahme führten, danach folgt der vollständige Text seines Gutachtens. In lateinischer Sprache verteidigt sich Reuchlin im dritten Abschnitt gegen etwaige Gegenstimmen und Bedenken. Im vierten Abschnitt, der wieder in deutscher Sprache abgefasst und stark polemisch geprägt ist, spricht er direkt die im „Handtspiegel“ erhobenen Anschuldigungen an.

Zum 500. Geburtstag des Augenspiegels wird im Stiftschor der Schlosskirche Pforzheim vom 8. Juli bis 28. August 2011 die Sonderausstellung „ 500 Jahre Augenspiegel  - Ein Wunder im Wunder“ gezeigt, dort ist u. a. auch der „Augenspiegel“ aus dem Besitz des Stadtarchivs im Original zu sehen.

Zur weiterführenden Lektüre wird der im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ von Dr. Matthias Dall’Asta gehaltene Vortrag empfohlen, der nun gedruckt als Broschüre mit dem Titel „Man soll der Juden Bücher nicht verbrennen!“ vorliegt und im Kulturamt und in der Tourist-Information erhältlich ist.

Ergänzend kann man in der Pforzheim Galerie vom 3. Juli bis 11. September 2011 die Ausstellung „Jüdisches Leben in Pforzheim“ besuchen.