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Eckert, Erwin (evangelisch, KPD)

Erwin Eckert ist am 16.6.1893 in Zaisenhausen geboren. Die Familie Eckert zieht - bedingt durch den Lehrerberuf des Vaters - aus dem ländlichen Kraichgau nach Mannheim, als der Sohn Erwin sechs Jahre alt ist. Durch die ehrenamtliche Tätigkeit des Vaters als Armenpfleger, der den Sohn zu Hausbesuchen mitnimmt, kommt er früh mit der Not der Arbeiterschaft in Berührung. 1911 wird er Mitglied der SPD*. Nach dem Abitur studiert Eckert in Heidelberg Theologie und Philosophie. 1914 meldet er sich als Kriegsfreiwilliger und kommt aus dem Krieg als entschiedener Pazifist zurück.

Während seiner Vikarzeit in Pforzheim 1919 bis 1922 gründet er dort 1920 den „Bund evangelischer Proletarier“. Seine Frau Elisabeth und er haben einen Sohn.

Eckert schließt sich während seiner ersten Pfarrstelle in Meersburg der 1924 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft der religiösen Sozialisten Deutschlands“, seit 1926 „Bund Religiöser Sozialisten“, in dem mehrheitlich sozialdemokratische und nichtorganisierte Theologen die Lösung der sozialen Frage als politisches Problem begriffen und für nicht lösbar hielten allein durch „christliche Nächstenliebe“. Eckert gehört zu den „linken“, marxistisch eingestellten Vertretern gegenüber den mehrheitlich sozialreformerischen Mitgliedern. Eckert ist seit 1926 Geschäftsführer des „Bundes Religiöser Sozialisten“ sowie Herausgeber ihrer Zeitung „Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes“. Wegen seiner entschiedenen Äußerungen gegen Krieg und Militarismus, seinem Engagement in der Frage nach Fürstenenteignung 1926 sowie gegen den deutschen Panzerkreuzerbau 1928, neben prosowjetischen Äußerungen, geriet er nicht nur in Konflikt mit der evangelischen Amtskirche, sondern auch mit seiner Partei, der SPD. Auf dem Evangelischen Kirchentag im Juni 1930 wird ihm eine Rede gegen den Nationalsozialismus untersagt. Nachdem im Dezember 1930 bei einer Veranstaltung in Neustadt a.d. Weinstraße während seiner Rede NS-Anhänger eine Saalschlacht beginnen, untersagt ihm der Badische Evangelische Oberkirchenrat weitere Reden gegen die Nazis. Von Ende November 1930 bis Juli 1931 warnt Eckert auf über hundert Veranstaltungen vor der Gefahr durch die Nationalsozialisten.

Zu Beginn des Jahres 1931 wird Eckert, seit 1927 Pfarrer der Mannheimer Trinitatis-Gemeinde, vom Oberrat der Evangelischen Kirche vorläufig aus dem Kirchendienst suspendiert, am 2. Oktober 1931 aus der SPD ausgeschlossen, im November im „Bund religiöser Sozialisten“ aller seiner Ämter enthoben, im Dezember desselben Jahres kommt die endgültige Entlassung als Pfarrer. Dem Rauswurf aus der SPD folgt am nächsten Tag Eckerts Eintritt in die KPD*. Es folgen im Oktober 1931 Reden vor Massenpublikum, 7.000 Personen in Mannheim, 7.000 in Karlsruhe, 10.000 in Stuttgart innerhalb einer Woche, bis Dezember folgen ca. 150 Reden in Deutschland, so am 8.12.1931 in Pforzheim zweimal im mit ca. 2 500 Zuhörenden jeweils überfüllten Saalbau. Auch in der Schweiz, in Österreich, in Prag und Amsterdam hält er Reden, die bei abertausenden Zuhörenden Anklang finden.

Nach dem Reichstagsbrand kommt Eckert aufgrund der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ am 1. März 1933 bis Juli in „Schutzhaft"*, anschließend bis Oktober 1933 ins Gefängnis. Im Oktober 1936 wird er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer Zuchthausstrafe von 3 Jahren und 8 Monaten verurteilt, weil er die illegal verbreitete Broschüre „Das proletarische Volksgericht“ mitverfasst hatte. Nach seiner Freilassung 1941 bleibt er bis zum Kriegsende unter Polizeiaufsicht, er bestreitet sein Leben zeitweise als Buchhändler in Frankfurt a.M.

Mit dem Ende des Nationalsozialismus beginnt Eckert sofort wieder mit seiner politischen Betätigung und wird im November 1945 geschäftsführender Vorsitzender des antifaschistischen Bündnisses „Neues Deutschland“ in Südbaden. Von 1946 bis 1950 ist er Vorsitzender der KPD in (Süd)Baden und gehört als Staatsrat der provisorischen Regierung Südbaden an. 1946 ist er Mitglied der im November 1946 gebildeten Beratenden Landesversammlung des Landes Baden zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Eckert wird Mitglied des Ersten Badischen Allparteienkabinetts in Freiburg. Seit 1947 gehört er dem Landtag an, 1947 dem von (Süd)Baden und ab 1952 bis 1956 dem von Baden-Württemberg. Seine Popularität zeigt sich bei der Oberbürgermeisterwahl in Mannheim 1949, als er fast 35 Prozent der Stimmen erhält. Trotz KPD-Verbot 1956 bleibt Eckert Kommunist, ab 1968 gehört er der neugegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) an.

Er stirbt 1972 in Mannheim.

1999 rehabilitiert die Evangelische Landeskirche Erwin Eckert postum durch ein gemeinsames Wort des Landesbischofs mit der Präsidentin der Landessynode in Baden.


 

Quelle:

Balzer, Friedrich-Martin (Hrsg.): Protestantismus und Antifaschismus vor 1933. Der Fall des Pfarrers Erwin Eckert in Quellen und Dokumenten. Bonn, 2011

(Der Text beruht auf einem Lexikoneintrag von Jürgen Schuhladen-Krämer, ergänzt durch lokale Bezüge zu Pforzheim.)