Zum Inhalte springen
  • icon16 °C
    icon
    16 °Cmin: 14 °C
    max: 18 °C
    Niederschlag : 0 mm
    Bewölkung : 5 %
    Luftdruck : 1016 hPa
    Wind : 3 m/s aus Südwesten
    Stand : 29.07.2021 - 07:37
  • Kontrast

Eckstein, Martin

Martin Eckstein, geboren am 15. August 1929, war das jüngere von zwei Kindern von Albert Eckstein und dessen Frau Felicitas. Lore Eckstein war seine ältere Schwester. 1939 zog die Familie von Weinheim nach Pforzheim, wo sie im Gemeindehaus hinter der zerstörten Synagoge an der Zerrennerstraße wohnte, da der Vater nach der Auswanderung bzw. Flucht der langjährigen Kantoren Sommer und Marx die Aufgaben des Kultusbeamten der jüdischen Gemeinde wahrnahm.

Martin Eckstein berichtet selbst über die Deportation der Familie: „Am 22. Oktober 1940 um 6 Uhr früh erschien ein Polizist vor unserer Wohnungstüre und informierte uns, in zwei Stunden reisefertig zu sein, nur tragbares Gepäck zu nehmen und 100 Reichsmark pro Person, der Grund wurde als "Umsiedlung" angegeben. – Soviel ich mich erinnern kann, blieb der Polizist vor der Türe zu Bewachung stehen. Meine Eltern schickten mich zum Schuhmacher, um ein Paar Schuhe zu holen, was der Polizist erlaubte. Gegen 9 Uhr wurden wir von einem grünen Polizei-Auto abgeholt und zum Bahnhof zu einem Personenzug gebracht, der Zug stand auf einem Nebengleis (Anm.: am Güterbahnhof). Die Wohnung wurde von der Gestapo ? (Anm.: Die Fragezeichen stammen von Martin Eckstein selbst) versiegelt, es wurde uns versichert, dass die ganze Wohnungseinrichtung uns später folgen würde.

Gegen Abend fuhr der Zug ab, wir sahen viele Bekannte der jüdischen Gemeinde bei uns. Die Reise dauerte zwei bis drei Tage, in Mühlhausen ? wurden wir vom Roten Kreuz ? verpflegt. An der französischen Grenze wurden alle Gelder über 100 Reichmark eingesammelt, nachdem wir Warnung bekamen, dass jeder, der im Besitz von mehr Geld (Anm. erwischt würde), von der Todesstrafe bedroht wäre. In Oloron waren Lastwagen bereit für uns, es regnete stark, die Männer und Frauen wurden getrennt, die Kinder hatten die Wahl, ich blieb bei meinem Vater; meine Schwester ging mit meiner Mutter, da sie erwachsen war (acht Jahre älter wie ich). Im Lager wurden wir in Baracken eingeteilt, es gab nur Strohsäcke am Boden, wir hatten keine Essgeschirre. Es gab nur dünne Suppe und etwas Brot. Viele Leute starben an Cholera.“

Über den Beginn des Jahres 1941 schreibt Martin Eckstein: „Secours Suisse gab den Kindern jeden Tag heiße Ovomaltine und Essen; es waren auch warme Kleider erhältlich, durch welche Organisation, weiß ich nicht mehr. OSE, eine jüdische Hilfsorganisation, und Quäker organisierten Kindertransporte aus dem Lager, ich war bei dem zweiten Transport. Insgesamt 40 Kinder kamen wir in ein französisches Waisenhaus in Aspet gebracht; wird wurden von den Quäkern betreut. Im Februar 1943 ging ich in die Schweiz mithilfe von Alice Synnevstedt, die für die Quäker arbeitete. Ich hatte ein Schweizer Visum von meinen Verwandten in Zürich, die mich bei sich aufnahmen. Von April 1941 bis Juni 1942 habe ich mit meinen Eltern in Gurs korrespondiert“.

Die im Bericht oben erwähnte Schwester, Lore, wurde mit Beginn der Deportationen von Juden aus dem Frankreich des Marschall Pétain, also aus der unbesetzten Zone, im Juni 1942, nach dem Bericht ihres Bruders Martin „in den Osten“ deportiert, seitdem ist sie verschollen. Lore und Martin Ecksteins Eltern waren in dem Deportationszug, der am 10. August 1942 vom Sammellager Drancy bei Paris ins Vernichtungslager Auschwitz fuhr.

Außer Martin Eckstein wurden auch Karl Leopold Landau (heute: Uri Landau) von den Frauen der Quäker aus dem Lager Gurs ins Waisenhaus nach Aspet gebracht, ebenso die Schwestern Hanna und Susanne Moses aus Karlsruhe.

Seit dem 13. März 2008 erinnern am Platz der Synagoge an der Zerrennerstraße vier sogenannte "Stolpersteine" an die Mitglieder der Familie Eckstein.

(Gerhard Brändle)

 

 

Quellen: Briefe von Martin Eckstein (Stadtarchiv Pforzheim) Fragebögen zur Dokumentation der Judenschicksale.

Gemeinde/Kreis Pforzheim. (Stadtarchiv Pforzheim)