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Rede von Frau Oberbürgermeisterin Christel Augenstein anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung ‘Volk auf dem Weg’ am 23. Juni 2008 im Rathaus der Stadt Pforzheim

Aufklären und geschichtliches Wissen zu vermitteln ist das primäre Ziel dieser Ausstellung.

Sehr geehrte Herren und Damen,

 

liebe Gäste,

 

es freut mich sehr, gemeinsam mit Frau Leontine Wacker, der Landesvorsitzenden der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Baden-Württemberg, heute Abend die Ausstellung „Volk auf dem Weg“ – Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland - hier im Neuen Rathaus eröffnen zu dürfen.

 

Aufklären und geschichtliches Wissen zu vermitteln ist das primäre Ziel dieser Ausstellung. Gerade für die Stadt Pforzheim mit einem beachtlichen Anteil an russlanddeutschen Spätaussiedlern hat dieses Projekt eine besondere Bedeutung.

Allerdings hätte ich mir gewünscht, diese Ausstellung bereits vor 20 Jahren eröffnen zu dürfen.

Dann hätte es gelingen können, Missverständnissen vorzubeugen und eventuelle Vorurteile erst gar nicht aufkommen zu lassen.

„Vergesse nie die Heimat, wo deine Wiege stand, du findest in der Ferne, kein zweites Heimatland“.

Dieses Zitat stammt von einem unbekannten Autor, umso bemerkenswerter ist es.

Ihre Wurzeln haben Russlanddeutsche nie vergessen. Ende der 60er Jahre, nach einem Abkommen Willy Brandts mit der UdSSR über Heimkehrerberechtigung und Aussiedlerbestimmungen, begann langsam die Ausreise nach Deutschland. Meist mussten die Russlanddeutschen aber Jahre warten, bis ihnen die Ausreise gewährt wurde. Die ersten Heimkehrer waren oft Familienangehörige der nach dem Krieg in Deutschland verbliebenen Russlanddeutschen, die viel Energie aufwandten, um ihre Angehörigen zu finden. In den 80er Jahren und vor allem nach der Selbstauflösung der Sowjetunion 1991 wuchs die Zahl der nach Deutschland einreisenden Aussiedler an und betrug jahrelang um 200.000 pro Jahr, wobei seit Mitte der 90erJahre mehr und mehr auch nichtdeutsche Familienangehörige mit in die Bundesrepublik kamen, die noch Deutschstämmigkeit zweiten Grades nachweisen konnten. Die Gründe hierfür liegen sicherlich auch in der wirtschaftlichen und politischen Situation und den immer mehr wachsenden innerrussischen Konflikten nach dem Zerfall der UdSSR.

 

Für den größten Teil der älteren Generation war die Ausreise nach Deutschland das für sie wichtigste Ereignis in ihrem Leben und zugleich die Verwirklichung eines Lebenstraumes. Sie haben sich bis ins hohe Alter traditionell überlieferte deutsche Sitten und Bräuche bewahrt und gepflegt. Viele der älteren Russlanddeutschen hatten zudem wegen ihrer Herkunft Misshandlungen und Diskriminierungen in der UdSSR erlebt und viele Familienmitglieder in den Straflagern Sibiriens verloren - bis sie sich in Deutschland sicher fühlen durften. Sogar über 90-Jährige reisten aus, die sich im Land ihrer Vorväter begraben wissen wollten.

 

Seit 1950 haben sich fast 4,5 Millionen Aussiedler, davon rund 2,5 Millionen aus der ehemaligen Sowjetunion, mehrheitlich gut in Deutschland eingegliedert.

Dennoch haben viele Pforzheimer und Pforzheimerinnen wenig Kenntnis über die Geschichte der Russlanddeutschen, die mehr als 200 Jahre nach der Einwanderung ihrer deutschen Vorfahren in Russland Deutsche geblieben sind und dies trotz Deportation, Verschleppung, Demütigung und der Unterdrückung der sprachlichen und kulturellen Eigenständigkeit. Ich begrüße es daher, dass die Ausstellung „Volk auf dem Weg“ hierüber informiert.

 

Dass es teilweise, vor allem bei jungen männlichen Aussiedlern, Integrationsprobleme gab und gibt, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.

Für jeden jungen Menschen ist es nicht einfach, plötzlich seine gewohnte Umgebung und Freunde aufzugeben und gleichzeitig eine andere Sprache zu erlernen. Es handelt sich dabei jedoch um eine kleine Minderheit, die Mehrheit hat sich hier durch Wissensdurst weiterqualifiziert und sich in die Gemeinschaft integriert. „Mit offenen Augen und Ohren aufeinander zuzugehen“, lautet die Botschaft dieser Ausstellung. Ich wünsche uns allen, dass neben Schulklassen auch viele Bürger und Bürgerinnen unserer Stadt in den nächsten Tagen diese informative Ausstellung im  Neuen Rathaus besuchen werden.

 

Wer mit offen Augen und Ohren auf die Neubürger zugeht, wird schnell erkennen, dass sie mit ihrer Wärme, Familiensolidarität und Kultur Werte mitbringen, die in der deutschen Gesellschaft zum Teil verloren gegangen sind.

 

Lassen Sie mich abschließend nochmals das Motto dieser Ausstellung ‘Volk auf dem Weg’ aufgreifen. Ich weiß, wir haben in Pforzheim bereits ein großes Stück dieses Weges zurückgelegt und dabei durchaus hohe Hürden überwinden müssen.

Ich bin überzeugt, wir sind weiter auf einem guten Weg in eine gemeinsame Zukunft.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

 

- Es gilt das gesprochene Wort -