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OB Augenstein: Das Interesse an Pforzheim ist außerordentlich – Weitere Projekte im Auge

Dr. Albert Klein erhielt aus den Händen von Oberbürgermeister Hasan Ünver die Ehrenbürgerwürde der Stadt Nevsehir verliehen.

Dr. Albert Klein (links) wird Ehrenbürger der Stadt Nevsehir. Gemeinsam mit ihm freuen sich Oberbürgermeisterin Christel Augenstein und Oberbürgermeister Hasan Ünver

(stp/gs). Freitag, 20. Juni. Es ist die 120. Minute. Die Stimmung ist durchwachsen. Die Türkei liegt 0:1 gegen Kroatien zurück. Doch das soll sich gleich ändern. Dr. Albert Klein, Sinasi Gülec und Abdullah Sen, Chef des Hotels Karlik Eve und Cafir Okur, der stellvertretende Bürgermeister von Nevsehir klatschen Sekunden später ab. Der Ausgleich ist gefallen und im Elfmeter-Schießen wird sich die Türkei durchsetzen. An diesem Abend wird nicht nur viel über die Zukunft des türkischen Fußballs orakelt, schließlich treffen die Türkei und Deutschland im Halbfinale aufeinander. Dieser Abend stand schon Stunden zuvor unter denkwürdigen Ereignissen im Verhältnis zweier Städte: Dr. Albert Klein erhielt aus den Händen von Oberbürgermeister Hasan Ünver die Ehrenbürgerwürde der Stadt Nevsehir verliehen. Zum ersten Mal in der Geschichte der kappadokischen Partnerstadt Pforzheims an eine Person aus dem Ausland – in das befreundete Pforzheim. Oberbürgermeisterin Christel Augenstein setzt im Kulturzentrum von Nevsehir ein erstes Ausrufezeichen mit ihrer Dankesrede. Dabei werden die Passagen ihrer Rede auf Türkisch mit donnerndem Beifall eines bis auf den letzten Platz gefüllten Zentrums begleitet. Noch öfter auf dieser Reise werden der Pforzheimer Rathaus-Chefin die Herzen der Türken entgegenfliegen. Man hatte auf sie gewartet.

* * *

Rückblende: 1995 wurde die Deutsch-Türkische Gesellschaft von Sinashi Gülec ins Leben gerufen. Es sollte zwölf lange Jahre dauern, bis im November 2007 die Partnerschaftsurkunde in Pforzheim unterzeichnet wurde. Gülec, 2. Vorsitzender des Vereins und unermüdliches Zugpferd in dieser Beziehung, genoss den offiziellen Akt in der Goldstadt im vergangenen Jahr in vollen Zügen; schließlich wurde ein Traum wahr. Und nicht nur für ihn. Auch für Dr. Klein, dem langjährigen Ersten Bürgermeister der Goldstadt. Die Initiativen des sympathischen neuen Ehrenbürgers standen im Mittelpunkt des Besuchs in Nevsehir. Der Freundschaftszug setzte sich in den vergangenen Tagen in Bewegung – endlich möchte man sagen – er nimmt Fahrt auf. Bereits in Pforzheim hatte Hasan Ünver diese Auszeichnung an Dr. Klein angekündigt, die lange Reise machte dem mittlerweile 87-Jährigen Sorgen. Doch jetzt im Juni war es soweit.

Im Kulturzentrum sprach Hasan Ünver von der neuen Qualität der Beziehung zwischen den beiden Städten und von Albert Klein. Er nannte ihn einen Freund der Türkei, einen Freund von Nevsehir, der seit den ersten Stunden diese Städtefreundschaft unterstützt habe. Auf seinen zahlreichen Reisen nach Kappadokkien habe er jedes Mal viele neue Freunde gewonnen. Die Herzen vieler Menschen in Nevsehir seien ihm – Dr. Klein – zugeflogen.

Ein stark gerührter Albert Klein fand für all das nur wenige Worte – Worte des Dankes für diese Freundschaft, Worte der Anerkennung und Worte der Freude über diese Auszeichnung. Die Emotionen überwältigten ihn. Wie schon am Tag zuvor wusste die Oberbürgermeisterin zu überzeugen – sie sprach das aus, was die türkischen Gastgeber dachten – fast immer in Deutsch und gelegentlich auf Türkisch; was ihr besondere Sympathien brachte. Und beileibe nicht nur im Kulturzentrum.

Praller Besuchskalender

Zahlreiche Gespräche standen im Mittelpunkt der Tage dieses Besuchs: Politisch waren sich der stellvertretende Gouverneur Kappadokiens, Rauf Paker und Oberbürgermeister Hasan Ünver einig: Die neue Beziehung muss intensiviert werden. Rauf Paker: Wir müssen uns besser kennenlernen. OB Augenstein griff das gerne auf, die beiden Partnerstädte seien nun gefordert, „wir müssen die Bevölkerung für das Projekt gewinnen“. Und sie regte an, Schulen und Vereine zu ermuntern für diese Idee: „Wenn die Profile zueinanderpassen, könnten die Hochschulen zu einer intensiven Zusammenarbeit gewonnen werden“. Das solle geprüft werden. Eine Möglichkeit dürfte auch im Tourismus liegen, heute besuchen rund 1,4 Millionen Menschen die Region, in der Mehrzahl Ausländer. Und die Region rund um Nevsehir hat einiges zu bieten. Göreme, Uchisa, die „Feen-Kamine“ von Ürgüp, Tuff-Pyramiden und die Höhlendörfer mit ihrer einzigartigen Historie, die bis auf die Hetither 1800 v. Chr. zurückgreift. Freundliche Führer werden nie müde, die Vorzüge der Region darzustellen, mit orientalischer Freundlichkeit und selbstbewusst.

In Nevsehir hat sich eine Region aufgemacht, ihr traditionelles Kleid ein wenig abzustreifen und den Weg in die Moderne zu gehen. Unternehmer ermuntern die Pforzheimer Oberbürgermeisterin nach  Möglichkeiten stärkerer Kontakte, die Goldstadt Pforzheim steht im Mittelpunkt ihres Wunsches. Dabei sind sich die Gesprächspartner schnell einig, dass weitere Partnerstädte den Kreis erweitern können, ja vielleicht sogar erweitern müssen.

Gemeinsame Projekte sind auch ein Thema der Ganztagsschule Altinyildiz Koleji. Die private Schule, die mit der Brötzinger Schule liiert ist, denkt – angeregt durch das EU-Projekt mit dem Namen Comenius – über zukünftige Kooperationen mit mehreren Partnern nach. 850 Schülerinnen und Schüler hat die Schule, vom Kindergarten bis zur Hochschulreife werden sie von rund 60 Lehrern unterrichtet. 24 Schüler pro Klasse ist das Maximum. Man spürt die Liebe zu den Kindern, wie Christel Augenstein es nennt, nach dem Schulbesuch spricht sie „von einem sehr beeindruckenden und eindrucksvollem Konzept“. Unnötig zu erwähnen, dass ihre Worte dem Schulleiter Serhat Igdeci gefallen; auch hier sammelt die Oberbürgermeisterin Punkte bei den Gastgebern. Sie ist sicher in dem Thema, überzeugt mit Charme und die türkischen Gastgeber wissen, dass sie eine neue Freundin gefunden haben.

Ein unermüdlicher Motor auf Seiten Nevsehir ist seit Jahren und besonders in diesen Tagen Cafir Okur. Der stellvertretende Bürgermeister kümmert sich rührend und intensiv um die Pforzheimer Delegation, er erklärt, informiert, realisiert, weicht den Goldstädtern nicht von der Seite und zeigt sich als hervorragender Freund. Seine Kontakte erweisen sich immer wieder als wertvoll und auch er drängt auf eine Intensivierung der Beziehung auf allen Ebenen. Die Auszeichnung Albert Kleins zum Ehrenbürger ist daher nicht nur die Anerkennung der hervorragenden Arbeit des Deutsch-Türkischen Vereins mit dem 1. Vorsitzenden an der Spitze. Man kann diesen hochemotionalen Abend auch als Aufforderung sehen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Fortzufahren mit dem Interesse aneinander. Weiterzuschreiten in eine engagierte und erfolgreiche gemeinsame Zukunft. 7.000 türkische Mitbürgerinnen und Mitbürger leben und arbeiten in Pforzheim. Sie werden das mehr als interessiert zur Kenntnis nehmen.

Morgen übrigens heißt das erste Halbfinale „Deutschland – Türkei“. Eine wunderbare Möglichkeit für gemeinsame Feiern. Der Mehrheits-Tipp in Nevsehir übrigens: 2:0 für die Türkei! Das war das einzige Mal, dass Gastgeber und Gäste in Nevsehir nicht einer Meinung waren. Doch auch darüber wurde herzhaft gelacht …

Michael Strohmayer

 

Dr Albert Klein

Dr. Albert Klein war 1986 nach 20-jähriger Tätigkeit als Bau- und Planungsdezernent aus dem Dienst geschieden. In seine Amtszeit fielen wichtige Entwicklungsentscheidungen. 1966 war der damalige Erste Beigeordnete von Witten an der Ruhr und Sozialdemokrat zum Ersten Bürgermeister gewählt worden. Seine Arbeit in Pforzheim versah der in Mannheim aufgewachsene promovierte Volkswirt mit einer ganz eigenen Handschrift. In seine Amtszeit fielen eine ganze Reihe wichtiger Entscheidungen. Das Neue Rathaus wurde gebaut; zur Linderung der Wohnungsnot entstanden neue Wohngebiete, aber auch die Gewerbegebiete Altgefäll und Wilferdinger Höhe. In seine Amtszeit fielen der Bau von Schulen, über ein Dutzend Turn- und Sporthallen sowie drei Schwimmbäder. Die Sanierung von Brötzingen wurde zum Abschluss gebracht, die von Dillweißenstein und Eutingen begonnen. In seiner Arbeit spiegelt sich auch der Bau der Stadthalle und die grundlegenden Ideen zur Gestaltung des Waisenhausplatzes. Die von ihm befürwortete Zweite Buckenberg-Auffahrt ist endlich realisiert. Im Ruhestand hat er sich in Vereinen engagiert und wurde Wegbereiter der freundschaftlichen Verbindung zur türkischen Stadt Nevsehir.