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    Stand : 14.04.2021 - 20:39
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Fachkräfte bilden sich weiter zum Thema weibliche Beschneidung

Fortbildungsveranstaltung trifft auf große Resonanz

Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend - Referat Öffentlichkeitsarbeit

Am 6. Februar findet jährlich der „Internationale Tag der Nulltoleranz gegen weibliche Genitalverstümmelung“ statt. Ausgerufen wurde er im Jahr 2003 durch das „Inter-African Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children“ (IAC) mit dem Ziel, die Weltöffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Pforzheim Susanne Brückner und ihre Kolleginnen aus dem Integrationsbereich, die städtische Integrationsbeauftragte Anita Gondek und die Leiterin des Integrationsmanagements Alexandra Neuner, haben vor diesem Hintergrund eine digitale Informationsveranstaltung angeboten, die sich in erster Linie an interessierte Fachkräfte aus den Sozialberufen sowie an Partnerinnen und Partner aus den Gleichstellungs- und Integrationsnetzwerken richtete. Über 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem aus Institutionen und Organisationen, darunter Fachkräfte aus Beratungsstellen, Schulsozialarbeit, Integrationsmanagement, Jugendamt sowie Netzwerkpartnerinnen und Netzwerkpartner, sind der der Einladung gefolgt.

Asita Maria Scherrieb, Sozialwissenschaftlerin, Juristin und Referentin zum Themenbereich weibliche Genitalverstümmelung bei der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e.V., die seit Jahren zum Thema sexuelle und reproduktive Rechte national und international tätig ist, hatte für den Thementag einen umfangreichen Vortrag mitgebracht. Im ersten Thementeil vermittelte sie Grundlagenwissen zu Formen, Ausmaß und Hintergründen der Beschneidung (englisch Female Genital Mutilation_Cutting; kurz: FGM_C), Erklärungen zu den unterschiedlichen Typen von FGM_C sowie deren physische, psychische und soziale Kurzzeit- und Langzeitfolgen. Auch die Darstellung der weltweiten Verbreitung, die Dunkelzifferstatistik für Deutschland und die Rechtslage in Deutschland (insbesondere §226 a StGB) wurden thematisiert.

Der zweite Thementeil widmete sich vorrangig der Frage, wie das erworbene Wissen in Pforzheim Anwendung finden kann. Hierbei ging es im Austausch mit den Teilnehmenden um die Identifizierung von akuten Gefährdungssituationen, Interventionsmöglichkeiten sowie um ggf. vorhandene Kontaktpersonen und Anlaufstellen. Ziele der Veranstaltung waren die Vermittlung von Basisinformationen, Vernetzung und Austausch von Fachkräften und die Initiierung eines stadt- und landkreisübergreifenden Netzwerks im Sinne des „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, kurz: Istanbul Konvention.

 

Das sagen die Veranstalterinnen: „Die Veranstaltung verstehen wir als einen Auftakt, dem weitere Schritte folgen sollen. Wir wollen das Thema nachhaltig in Pforzheim verankern und im Sinne der Istanbul Konvention Vernetzungsstrukturen schaffen und nach Möglichkeit weitere Berufsgruppen zielgerichtet fortbilden“, so die städtische Gleichstellungsbeauftragte. „Die Veranstaltung hat sehr deutlich gemacht: Eine gute Integration ist ein wirksamer Schutz für die betroffenen Frauen und Mädchen. Durch das Erlernen der deutschen Sprache, das Knüpfen von sozialen Kontakten in die Aufnahmegesellschaft und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben werden die Betroffenen in ihrer selbstbestimmten Handlungsfähigkeit gestärkt. Das öffnet neue Horizonte, verschafft den Frauen und Mädchen Zugang zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten und steigert so die Chancen auf ein erfülltes Leben“, so die Integrationsbeauftragte. Die Leiterin des Integrationsmanagements ergänzt: „Meine Hoffnung ist, dass wir Menschen aus den jeweiligen Communities gewinnen, die betroffene Familien dafür sensibilisieren, kulturelle Sichtweisen und traditionelle Verpflichtungen zu überdenken und ihre Töchter so vor der Beschneidung bewahren“. „TERRE DES FEMMES e.V. setzt sich seit über 40 Jahren für den Kampf gegen Genitalverstümmelung ein. Sehr wichtig ist neben der Communityarbeit in Deutschland aber auch, dass Fachkräfte gutes Wissen über das Thema vermittelt bekommen. Wir können gegen Genitalverstümmelung nur ankämpfen, wenn alle Schlüsselakteur*innen über das Thema Bescheid wissen und wissen wie man agieren kann. Es freut mich daher umso mehr, dass bei unserer Schulung über 60 Teilnehmende mit diversen Hintergründen anwesend waren. Es ist wichtig, dass das Thema in Pforzheim auch weiterhin im Gesundheitssektor, Bildungssektor, Sozialsektor, Integrationsmanagement, Gleichstellungsstelle, Behörden etc. angegangen wird und sich diese Sektoren gut miteinander vernetzten. Jede beschnittene Frau ist eine zu viel“, so Referentin Asita Maria Scherrieb.

 

Hintergrundinformationen:

Der Begriff weibliche Genitalverstümmelung umfasst nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation „alle Praktiken, bei denen das äußere weibliche Genital teilweise oder vollständig entfernt wird sowie andere medizinisch nicht begründete Verletzungen am weiblichen Genital.“

Weibliche Genitalverstümmelung ist bis heute weit verbreitet auf dem afrikanischen Kontinent, im Nahen und Mittleren Osten und in Asien. Neben den oftmals bekanntesten Länderbeispielen auf dem afrikanischen Kontinent (ca. 28 Länder), wird weibliche Genitalverstümmelung jedoch auch regelmäßig im Jemen, im Irak, in Indonesien und auf den Malediven praktiziert. Diese 32 Länder sind jedoch nicht die einzigen, die FGM praktizieren. Es sind lediglich die Länder, von welchen Zahlen und Erfassungen vorliegen. Wichtig ist festzuhalten, dass FGM auch unter zahlreichen weiteren ethnischen Gruppen praktiziert wird, die bislang jedoch noch nicht genauer in offiziellen Statistiken erfasst werden. Die Praxis der Genitalverstümmelung ist in vielen dieser Communities bereits eine Jahrtausend alte Tradition.

Das europäische Netzwerk End FGM, welches viele Organisationen vereint, die sich gegen Genitalverstümmelung einsetzen, hat im März 2020 eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass insgesamt 92 Länder von der Praxis betroffen sind. Die oben genannten 32 Länder, sowie weitere 60 Länder mit praktizierenden Communities. Dies erklärt sich unter anderem durch weltweite Migration und die Durch- und Weiterführung von weiblicher Genitalverstümmelung innerhalb von Diaspora-Communitys. Demnach sind auch Mädchen und Frauen ganz konkret in Europa und bei uns in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen bzw. gefährdet.

Nach Angaben der UNO und der Weltgesundheitsorganisation sind 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Jedes Jahr laufen über vier Millionen weitere Mädchen Gefahr, an den Genitalien verstümmelt zu werden. Laut der UNO Agentur für sexuelle und reproduktive Rechte, genannt UNFPA, könnte diese Zahl bis 2030 auf bis zu 4,6 Mio. Mädchen jährlich steigen.

In Europa schätzt das End FGM Netzwerk, dass 600.000 Frauen und Mädchen bereits betroffen sind und weitere 180.000 gefährdet sind. Obwohl zahlreiche internationale Abkommen diese schädliche Praxis verbieten, sie international als Menschenrechtsverletzung gilt und auch die UNO Nachhaltigkeitsagenda für Entwicklungsziele bis 2030 sie im Programm hat, nimmt weibliche Genitalverstümmelung kein Ende. Ganz im Gegenteil nimmt sie gerade seit der COVID-19-Pandemie drastisch zu. Laut der UNO sind vom Ausbruch der Corona- Pandemie im März und aufgrund der dadurch ausgefallenen Kontrollinstanzen wie dem Bildungssektor bis Oktober 2020 bereits geschätzte 2 Mio. mehr Mädchen weltweit betroffen als im vorherigen Jahr (Quelle: UNFPA).