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Aufbruch von Museum und Schule in eine digital vernetzte Welt

Reuchlin digital

Reuchlin Digital

Heute vor 565 Jahren wurde Johannes Reuchlin in Pforzheim geboren. Er erlebte eine Zeit, die geprägt war von der Medienrevolution des Buchdrucks. Reuchlin nutzte diese damals neue Technik, um seine zentrale Botschaft „Erkundet das Fremde, zerstört es nicht!" zu verbreiten. Wir leben heute in einer Zeit noch gewaltigerer Transformationsprozesse, ausgelöst durch die Digitalisierung. Unsere Kinder werden in wenigen Jahren Berufen nachgehen, die heute noch nicht einmal existieren. Digitalisierungsprozesse wirken sich nicht nur auf die Technologien aus, die wir nutzen, sondern vor allem auch auf unsere Kultur. Mit Reuchlin digital begibt sich das Kulturamt der Stadt Pforzheim seit Ende 2018 auf den Weg, die Potenziale des digitalen Wandels am Museum Johannes Reuchlin auszuloten.

Ermöglicht wird das Projekt durch die Förderung des Innovationsfonds Baden-Württemberg und der Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg.

„Der Mehrwert und das übertragbare Erfahrungswissen aus den bisherigen sechzehn Projektmonaten von Reuchlin digital erweisen sich als außerordentlich nachhaltig und dokumentieren, welche Möglichkeiten die Gestaltung digitaler Transformationsprozesse im gesamten Kulturbereich der Stadt Pforzheim bietet“, fasst Projektleiterin Claudia Baumbusch in ihrer Zwischenbilanz zusammen.

 

Doch warum eigentlich Reuchlin digital?

Das Museum soll zugänglicher und zukunftsfähig werden. Es soll die junge Generation ansprechen, die in einer digitalisierten Welt aufgewachsen ist, die andere Kommunikationsformen nutzt und andere Anforderungen an Museen hat. Reuchlin digital hat zum einen als Ziel, am Beispiel von Leben und Werk Johannes Reuchlins das kulturelle Erbe der Stadt Pforzheim zu vermitteln und dabei den SchülerInnen Orientierung in einer komplexen Welt zu geben. Reuchlins Einsatz für Toleranz und Mitmenschlichkeit ist dabei ein Aspekt unter vielen. Zum anderen soll es SchülerInnen dazu befähigen, in einer digital vernetzten Welt kompetent zu handeln. Reuchlin digital beinhaltet die kreative und produktive Nutzung digitaler Medien und die gleichzeitige kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Medienformen. 

 

Digitalisierung ist mehr als Ausstattung...

Museen können als Partizipationsmagnet wirken. Am Projekt Reuchlin digital sind seit 2018 zahlreiche Personen verschiedenster Fachrichtungen  beteiligt. SchülerInnen, Lehrkräfte und Lehramtsstudierende haben mit dem interdisziplinären Projektteam auf Augenhöhe zusammengearbeitet, voneinander gelernt und dabei neue und innovative Vermittlungsformate entwickelt und getestet.

Dabei hat sich bestätigt, dass sich die Potenziale der Digitalisierung erst im sozialen und kulturellen Umgang mit Medien entfalten. Für Reuchlin digital sind eigene mediale Produktionserfahrungen und deren Reflexion durch die SchülerInnen daher von zentraler Bedeutung. Reine Soft- und Hardwareanschaffungen etwa für die Nutzung digitaler Mediaguides sind nicht zielführend.

Reuchlin digital nutzt analoge und digitale Medien für kreative und produktive Aufgaben. Ihre Bearbeitung legt den Schwerpunkt auf Förderung der personalen und medialen Kompetenzen. Die übergeordneten Ziele für den Einsatz von (digitalen) Medien sind: die Stärkung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Erhöhung der Selbstwirksamkeit der SchülerInnen und die  Entwicklung von Fähigkeiten in den Bereichen Medienkritik, Mediengestaltung und Mediennutzung.

Im Projekt Reuchlin digital werden SchülerInnen zur Zusammenarbeit und zum gemeinsamen Produzieren aufgefordert. Sie erstellen beispielsweise Filme, schreiben dazu selbstständig Skripte, drehen Videosequenzen und schneiden diese zu kompakten Kurzfilmen. Der Einsatz der auch aus Fernsehstudios bekannten Greenscreen-Technik ermöglicht es den SchülerInnen, Gegenstände oder Personen nachträglich vor unterschiedliche Hintergründe zu setzen. Weitere Formate verlangen von den SchülerInnen, selbst Musik zu komponieren oder dreidimensionale und interaktive Welten zu erschaffen. All dies im Kontext von Johannes Reuchlin und dem Humanismus.

 

...ohne Ausstattung geht es aber nicht

Um die produktionsorientierten Vermittlungsformate im Rahmen des Projekts Reuchlin digital zu ermöglichen, mussten umfangreiche infrastrukturelle Maßnahmen ergriffen werden. Dazu gehörte der Anschluss des Museums Johannes Reuchlin an das Glasfasernetz, der Aufbau eines sicheren und leistungsstarken drahtlosen Netzwerks innerhalb des Museums, sowie die Anschaffung von iPads und weiteren technischen Equipments sowie die Organisation einer entsprechenden Betreuungsstruktur für Geräte und Dienste.

 

SchülerInnen erleben aktiv und produktiv das Museum Johannes Reuchlin

Im Museum Johannes Reuchlin erwartet die SchülerInnen keine klassische Führung. Die Handlungs- und Produktionsorientierung ist auch hier Programm, wie in allen Angeboten der Kulturellen Bildung in den Pforzheimer Museen. Nur werden sie um digitale Medien erweitert. In Kleingruppen mit jeweils einem Tablet können SchülerInnen selbstständig verschiedene Themen auswählen und erkunden. Dazu zählen u.a. „das Internet des 15. Jahrhunderts" über den Buchdruck und „das Sprachenwunder Reuchlin".

Die Tablets geben zwar einen Überblick über die zu Verfügung stehenden Aufgaben, dienen aber nicht als digitale Museumsführer, sondern sind das Arbeitswerkzeug der jungen BesucherInnen. Wählt eine Gruppe z.B. die Aufgabe „das Sprachenwunder Reuchlin", haben die SchülerInnen Arbeitsaufträge wie etwa die hier gekürzt wiedergegebenen: Findet heraus, warum Johannes Reuchlin als Sprachgenie bezeichnet wurde und wofür er seine Sprachkenntnisse genutzt hatte. Oder: Erstellt aus dem Ergebnis dieser Recherche ein einminütiges Instagram-Video, in dem ihr auch das Museum Johannes Reuchlin vorstellt. Ihr könnt in eurer Muttersprache oder Englisch sprechen.

Die SchülerInnen verwenden dazu auf dem iPad die App Clips. Diese ermöglicht es, kurze Videosequenzen aufzuzeichnen, diese zu schneiden und neu zu arrangieren. Eine besondere Zusatzfunktion ist die automatische Erstellung von Untertiteln in den jeweiligen Sprachen. Diese Untertitel sollen abschließend von der Gruppe ins Deutsche übersetzt werden. Durch diese Art von Aufgaben erwerben die SchülerInnen nicht nur Wissen über Johannes Reuchlin, sein Werk und seine Zeit, sondern verzeichnen auch Kompetenzzuwächse in weiteren Bereichen: Sie üben sich in der Strukturierung und Aufbereitung von Informationen. Beispielsweise gestalten sie ihr eigenes Video und erleben, wie ein Film aus kleinen Teilsequenzen entstehen kann, die in einer beliebigen Reihenfolge aufgenommen werden. Im Rahmen des Museumsbesuchs können die SchülerInnen zwar nur ein bis zwei dieser Art von Aufgaben bearbeiten. Die Rückmeldungen von Teilnehmenden und Lehrkräften bestätigen allerdings den Mehrwert dieser Art der Vermittlung: „Wir konnten selber etwas machen und uns alles viel besser merken“, wie eine Schülerin sagte.