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EMMA – Kreativzentrum Pforzheim begrüßt internationale Designnachwuchs

Internationales Stipendienprogramm Designers in Residence startet

 

Designers in Residence
Von links: Leen Stoffels, Xin Liu, Andrea De la Peña
©Winfried ReinhardtFoto: Winfried Reinhardt

Das Stipendienprogramm „Designers in Residence“, das am 1. April gestartet ist, bietet seit 2016 in Kooperation mit dem Design Center Baden-Württemberg und der Hochschule Pforzheim internationalen Nachwuchsdesignerinnen und -designern die Möglichkeit, sich drei Monate lang intensiv mit einem selbst gewählten Thema auseinanderzusetzen und somit ihr Designprofil zu schärfen. In diesem Jahr arbeiten der Schmuckdesigner Xin Liu aus China, die Materialdesignerin Andrea De la Peña aus Mexiko und die Textildesignerin Leen Stoffels aus Belgien im EMMA – Kreativzentrum Pforzheim an ihren Projekten.

„Durch das Stipendienprogramm erhalten wir immer wieder Einblick darin, mit welchen Themen und Problemstellungen sich junge Designerinnen und Designer aus der ganzen Welt beschäftigen. Wir freuen uns sehr, dass wir in diesem Jahr Xin Liu, Leen Stoffels und Andrea De la Peña die Möglichkeit geben können, ihre Ideen zu verwirklichen und sie bei diesem Prozess zu begleiten“, so Almut Benkert, Fachbereichsleiterin Kreativwirtschaft beim Eigenbetrieb Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim.

Dem Schmuckdesigner Xin Liu aus China ist Pforzheim nicht unbekannt – er studierte Schmuck an der Hochschule Pforzheim, erhielt 2020 das Stipendium „PF Revisited“ im Technischen Museum in Berlin und gewann den Gestaltungswettbewerb für den Goldstadtpokal 2019. Zurück in Pforzheim, möchte er sich mit einem Thema auseinandersetzen, das ihn bereits seit längerer Zeit beschäftigt – Männlichkeit. In patriarchalischen Gesellschaften pflegen die meisten Männer ihr öffentliches Erscheinungsbild sorgfältig, um den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden, aus Angst, beleidigt zu werden oder sogar Gewalt zu erleiden, weil sie scheinbar nicht der Norm entsprechen. Die akzeptierten männlichen Verhaltensweisen anzunehmen und zu verstärken, erlaubt es ihnen hingegen, die Vorteile ihres Geschlechts in einer solchen Gesellschaft zu genießen. Im EMMA möchte er erforschen, durch welche Objekte oder Verhaltensweisen Männer sich heutzutage ausdrücken. Als Ausgangspunkt dient ihm dabei die sogenannte „Schamkapsel“, ein Teil der mittelalterlichen Kleidung, der sich von einem Genitalschutz zum Symbol männlicher Potenz entwickelte. Heutzutage ist die Schamkapsel aus dem Alltag verschwunden, die symbolische Zurschaustellung der Männlichkeit existiert jedoch weiterhin und ist in den meisten Fällen eine Reaktion der Männer auf gesellschaftliche Erwartungen. Xin Lius Kollektion „codpiece everywhere“ zeigt die Art und Weise, wie der Mann von heute seine maskuline Persönlichkeit konstruiert. Die Kollektion besteht aus verschiedenen Materialien, wie beispielsweise Fußbällen, Militäruniformen, Perlen, Stickereien und anderen Elementen, die von der vorherrschenden Kultur immer noch eng mit einem Geschlecht verknüpft werden. „Ich habe mich gefragt, wie Männlichkeit heutzutage dargestellt wird, und warum manche Dinge nach wie vor als besonders männlich oder als unmännlich kategorisiert werden? Was passiert, wenn sich Männer nicht der Norm entsprechend verhalten? Meine Interpretation der Schamkapsel ist eine humorvolle Annäherung an die Fluidität der Geschlechter und deren Grenzen“, erzählt Xin Liu. Er beobachtet dazu beispielsweise virale Trends auf Plattformen wie Twitter oder TikTok und schafft durch die verwendeten Materialien Bezüge zu Objekten oder Verhaltensweisen, die heutzutage als männlich definiert werden.

Leen Stoffels entwickelte bereits für ihre Masterarbeit eine modulare Strick- und Knüpftechnik, die es ermöglicht, die Form von Textilien je nach Funktion anzupassen. Inspiriert wurde sie dabei vom Zopfmuster traditioneller irischer Seemannspullover, das nicht nur eine dekorative Funktion hat, sondern die Oberfläche verdichtet und für mehr Wärme sorgt. Leen Stoffels möchte mit ihrer Technik der Wegwerf- und Fast-Fashion-Kultur entgegenwirken: „Trotz eines wachsenden Be-wusstseins für Nachhaltigkeit und Slow Fashion/Design sehnen sich die Menschen nach Abwechslung und Innovation. Daher möchte ich meine Zeit im EMMA nutzen, um meine Forschung auf Accessoires, Gebrauchsgegenstände und Einrichtungsgegenstände auszuweiten und nachhaltige, zeitlose Stücke schaffen, die von verschiedenen Nutzern für verschiedene Zwecke verwendet werden können. Das Stipendium bietet mir die Zeit und den Raum, den ich brauche, um mein Projekt auf das nächste Level zu bringen“, erklärt Leen Stoffels ihr Vorhaben. Leen Stoffels entwirft bewusst zeitlose und tragbare Stücke, die durch ihre Stricktechniken mit Hilfe einer einfachen Anleitung in Fläche, Form, Dicke und Dichte veränderbar sind. Auf diese Weise kann ein Stück in einen Pullover, eine Decke, eine Tasche oder einen anderen Gebrauchsgegenstand umgewandelt werden und ermöglicht eine Anpassung an die sich ständig ändernden Vorlieben. Die Nachhaltigkeit von Leen Stoffels Arbeiten spiegelt sich auch in der Wahl des Materials wider: Sie nutzt ausschließlich Merinowolle, die sehr langlebig und widerstandsfähig sowie biologisch abbaubar und einfach zu recyceln ist.

Die mexikanische Materialdesignerin Andrea De la Peña betreibt bereits seit längerem Materialforschung mit Abfällen, z.B. über die Verwendung von Ananas-Abfällen. Während ihres Stipendiums möchte sie sich mit Elektroschrott beschäftigen und die Hintergründe und Auswirkungen der massiven Produktion von Elektroschrott sichtbar machen.

„Mexiko ist der drittgrößte Verursacher von Elektroschrott weltweit – gleichzeitig ist er für viele ärmere Menschen aber auch eine Einnahmequelle, indem sie etwa Kupferkabel extrahieren und verkaufen. Ich habe mir also die Frage gestellt, wann etwas als Müll angesehen wird und wann als Rohstoff, vor allem, da laut Prognosen die Rohstoffe, die wir für elektronische Geräte brauchen, bis zum Jahr 2050 aufgebraucht sein werden. Meine Aufgabe als Designerin ist es daher Wege aufzuzeigen, wie der Abfall als Rohstoff wiederverwendet werden kann“, erzählt Andrea De la Peña. Elektroschrott ist ein weltweites Problem, vor allem Entwicklungsländer sind von den Auswirkungen stark betroffen. Nur 17,4 Prozent des weltweit entstehenden Elektroschrotts wird jedoch gesammelt und recycelt. Andrea De la Peña möchte durch die Verwendung von Materialien als Kommunikationsmittel eine kritische Auseinandersetzung mit der Produktion von elektronischen Geräten ermöglichen und mit neuen Materialien Perspektiven für die Verwertung von Elektroschrott aufzeigen.

Die drei Stipendiaten werden von April bis Juni 2023 in Pforzheim wohnen und im EMMA – Kreativzentrum Pforzheim an ihren Projekten arbeiten.

Für den Zeitraum des Stipendiums erhalten die Designerinnen eine kostenlose Unterkunft sowie eine monatliche finanzielle Förderung. Darüber hinaus können die Stipendiatinnen die Infrastruktur und die Angebote der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim im Rahmen des Stipendiums nutzen. Im Anschluss werden die Ergebnisse vom 1. bis 16. Juli 2023 in einer Ausstellung im EMMA – Kreativzentrum präsentiert, die Eröffnung der Ausstellung findet am 30. Juni 2023 um 19 Uhr statt.

Zu den Personen

Xin Liu ist in China geboren und aufgewachsen. Dort studierte er zunächst Industriedesign an der Jiangnang Universität in China. Anschließend absolvierte er den Schmuck-Bachelor an der Hochschule Pforzheim sowie einen Master in Schmuckdesign & Gold- und Silberschmieden an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen, den er 2022 mit Auszeichnung abschloss. 2020 erhielt er das Stipendium „Pforzheim revisited Berlin“ im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Andrea De la Peña ist eine mexikanische Materialdesignerin und Forscherin. Sie absolvierte einen technischen Abschluss in Grafikdesign am Instituto Politécnico Nacional und studierte anschließend Industriedesign am Centro de Diseño, Cine y Televisión in Mexiko-Stadt. Andrea De la Peña leitet das Projekt „Sustrato“, welches die Verwendung von Industrieabfällen aus Ananas in der Produktion von Biomaterialien erforscht und ist eine der Gewinnerinnen der No Waste Challenge von What Design Can Do. Ihre Arbeiten wurden in verschiedenen Museen und Ausstellungen gezeigt, wie dem Franz Mayer Museum (2022), der Dutch Design Week (2019) und der Dubai Design Week (2019).

Leen Stoffels absolvierte ein Bachelor- sowie ein Masterstudium in Textildesign an der Königlichen Akademie für Schöne Künste (KASK) in Gent, wo sie sich auf Stricktechniken spezialisierte. Während ihres Studiums gründete sie ein Label für zirkuläre Mode. Sie erhielt eine Auszeichnung als eine der 25 besten Abschlussarbeiten in Flandern sowie einen Ecodesign Award 2022 für innovatives und zirkuläres Design.

EMMA – Kreativzentrum Pforzheim

Das EMMA – Kreativzentrum Pforzheim ist die zentrale Plattform für Pforzheims Kreative. In einem ehemaligen Jugendstilbad an der Enz gelegen, bietet das Kreativzentrum auf einer Fläche von 3.000 Quadratmeter Werkstatt- und Coworking-Arbeitsplätze, Ateliers, Büros und Ausstellungsflächen. Auch die Stadt selbst zeichnet sich durch eine lebendige Kreativszene mit Schwerpunkt auf den Bereich Design aus. Zahlreiche Hochschulabsolventen, Existenzgründerinnen und-gründer, Freelancer und Unternehmen aus der Kreativwirtschaft arbeiten in Pforzheim und beleben den Standort.

„Designers in Residence“ wird unterstützt von der Sparkasse Pforzheim Calw, C. Hafner GmbH + Co.KG, dem Rotary Club Pforzheim-Schloßberg und yellow design gmbh.