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Tanzfilm „Eremiten“ bis 30. Januar im Schmuckmuseum zu sehen

Von Mirko Ingrao und Tänzerinnen und Tänzern des Balletts Theater Pforzheim, inspiriert von Guido Markowitz' zeitgenössischem Werk „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“

 

Tanzfilm-Regisseur Mirko Ingrao verwandelt das Ballett „Brahms - Glaube Liebe Hoffnung“ in einen poetischen Film jenseits der Worte über das Menschsein.

 

 

Mei Chen, Foto Andrea D'Aquino
Mei Chen und Mirko Ingrao, Foto Sebastian Seibel

Der Film „Eremiten“ ist das Ergebnis einer monatelangen künstlerischen Erforschung und Re-Inszenierung des Tanzstücks „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“, das Guido Markowitz im Herbst/Winter 2020 für das Theater Pforzheim geschaffen hat. Tanzfilm-Regisseur Mirko Ingrao, der in dem Stück selbst eine wichtige Rolle ausfüllt, greift in einzigartigen surrealen und poetischen Bildern die choreografischen Visionen und die Erzähllinie von Guido Markowitz neu auf und würdigt gleichzeitig die essentielle Mit-Autorenschaft der Tänzerinnen und Tänzer, ohne die dieses zeitgenössische Tanzstück nicht möglich wäre.

Im Zentrum von Guido Markowitz' Tanzstück „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“ stehen drei signifikante Figuren. Für Markowitz eröffneten sich so Räume und Prozesse inneren Betrachtens, Befragens und Erkennens dieser drei inneren, univeralen Haltungen des Menschen sowie ihrer Beziehungen untereinander: „Was ist Glaube, wenn er ohne Liebe ist? Entsteht dann Hoffnungslosigkeit? Wie sehe ich die Hoffnung? Wie ist die Liebe? Und wie vermag der Mensch, wieder in die Liebe zu kommen?“ Während die Liebe, verkörpert von Mei Chen, und die Hoffnung, kreiert für Hyeon-Woo Bae, als Allegorien erkennbar werden, agiert der Glaube alsDoppelfigur: als alle überstrahlende, sinnbildliche und symbolträchtige Darstellung sowie als menschlich handelnder Charakter. Guido Markowitz: „Mein Gedanke war: Wenn ich eine Figur wäre, die „Glaube“ verkörpert, wie würde ich die Welt sehen? - Ich glaube, ich wäre wütend. Meine Figur des Glaubens charakterisiert eine große Sehnsucht nach Erlösung. Er ist voller Kraft, aber innerlich verletzt, und er verändert andere Menschen und Beziehungen mit seiner Energie. Während des ganzen Stückes versucht er, die Hoffnung und die Liebe, die ihm fehlen, zu finden. Am Ende muss er sein Handeln verantworten, und er erkennt, dass er Glaube, Liebe und Hoffnung in sich selbst entdecken muss.“ Im Gegensatz dazu durchlaufen die Liebe und die Hoffnung im Ballett keine seelische Entwicklung, sondern stellen diese selbst dar: „Die Liebe ist frei und strahlt facettenreich wie ein Prisma. Sie ist überall. Einzelne Aspekte der Liebe habe ich im Laufe des Kreationsprozesses dann fokussiert und als Rollen auf andere Tänzerinnen und Tänzer übertragen: Das Phänomen der verlorenen Liebe, der leidenschaftlichen Liebe, der besitzergreifenden Liebe oder der zerbrochenen Liebe.“ Und die Hoffnung? – Guido Markowitz: „Die Hoffnung ist für mich kindlich und fröhlich. Sie ist voller Unschuld und Hingabe. Sie verströmt Reinheit und Zuversicht. Im Ballett ist sie immer wieder diejenige, die die Menschen zueinander bringt, damit sie die Liebe leben, auch wenn der Glaube in diese entstehenden Beziehungen eingreift, um sie zu zerstören“. 

Diese Erzähllinie einer siebzigminütigen Aufführung aufbrechend, wandte sich Ingrao, parallel zur Entstehungszeit des Tanzstücks und seiner Aufführungen, einer intensiven ästhetischen und filmischen Befragung und Rekapitulation der Aufführung zu, die ihn zum Kern von „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“ führte und die ihn dessen seelisch-emotionale Essenz in überraschende und  ergreifende neue Bilder und Filmszenen überführen und verwandeln ließen. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher, eigenständniger Kunstfilm von höchster ästhetischer Qualität.  Zusätzlich zum im wahrsten Sinne des Wortes einmaligen Erlebnis der Aufführung in Echtzeit bietet „Eremiten“ so eine zweite Darbietung des Tanzstücks in einer völlig anderen Form. Er enthüllt, was im Moment der Live-Performance nur implizit ist, in dem er jenen Sprachraum betritt, der sonst fast ausschließlich im Bereich der inneren Monologe aller Beteiligten angesiedelt ist. Ingraos neue Filmbilder machen Tänzer als prägnante Gestalter einer zeitgenössischen Ballettaufführung greifbar. Für das Publikum wird so auf ungeahnte und unerwartete Weise die Kunstform des zeitgenössischen Tanzes am äußersten Rand seiner Möglichkeiten sichtbar.

Statement
„Wenn ein Mosaik aus Versehen oder freiwillig zerbrochen ist, werden seine Teile überall verstreut. Wie Sandkörner, die einst Teil desselben Steins waren, entfernen sich die Stücke von ihrem Ursprungsort und werden zum kleinsten Teil des ursprünglichen Mosaiks, das, auseinandergebrochen, so erst einmal seiner Identität beraubt ist. Um es neu zusammenzusetzen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Die erste Möglichkeit besteht darin, das Originalbild neu zu komponieren, wobei man sich der Tatsache bewusst ist, dass diese am Original orientierte Neukomposition trotz aller Bemühungen Unvollkommenheiten aufweisen kann. Die zweite Möglichkeit kann man mit einer Straße vergleichen, die gesperrt ist. Man blickt auf das zerbrochene Werk und betrachtet die formlose Masse von Einzelteilen, ohne zu handeln. Der dritte Weg entspricht dem, wie Kinder vorgehen: Spielerisch, ohne Ehrgeiz, rekonstruieren sie das Originalbild. Sie bestaunen jedes Stück und beginnen dabei ein Spiel. Für meinen Film EREMITEN, inspiriert von dem Tanzstück ‚Brahms – Glaube Liebe Hoffnung‘ von unserem Ballettdirektor Guido Markowitz, habe ich mich für den dritten Weg entschieden. Mein Film wurde ein Kaleidoskop eines Tanzwerks, das ich wie ein Mosaik gelesen habe.
Mein Film zerlegt das von und mit ihm geschaffene Ballett, das wir alle gemeinsam tanzen, in zahlreiche Einzelteile. Ich habe hierfür die Charaktere und Beziehungen, Atmosphären und Musik, Bilder und Symbole, Gesten und Tanz in meiner filmischen Tonart neu beobachtet und neu komponiert. An diesem spielerischen Prozess waren alle Tänzerinnen und Tänzer der Originalbesetzung beteiligt. Gedreht haben wir in der Stadt Pforzheim, im Schmuckmuseum, im Schwarzwald und sogar in der Wüste in den Vereinigten Arabischen Emirate während der Pandemie, als Kinos, Theater und Konzertsäle geschlossen waren. Sie sind heute die idealen Orte, an denen wir den Durst ausgetrockneter Seelen und Geister stillen. Die Tänzerinnen und Tänzer sind von daher für mich die wahren Eremiten. Sie führen uns zur Entdeckung der entstandenen Wüsten, die keine Sandberge brauchen, um als solche definiert zu werden.“

Hintergrund
Mirko Ingrao wurde 1996 in Mailand in Italien geboren. Er absolvierte seine Ausbildung als Tänzer bei R. Fascilla und R. Altamura in Mailand. Seine Hingabe zum Zeitgenössischen Tanz entfaltete er ab 2015 in den folgenden drei Jahren am „Milano Contemporary Ballet“, das kontinuierlich mit dem „Studio Wayne McGregor“ kooperiert. Im selben Zeitraum absolvierte er sein Studium der Visuellen Künste an der New Academy of Fine Arts. 2017 nahm er an dem Sommer-Intensivkurs des renommierten „Nederland Dance Theatre” teil, wo er Werke aus dem Repertoire u.a. von Sól Leon, Paul Lightfoot und Crystal Pite kennenlernte. Ab 2018 freischaffend, tanzte er in Produktionen wie M.C.B., Dejà Donné, Teatro Coccia di Novara, One Thousand Dance, Tecnologia Filosofica, Metamorphosis Dance von Iraxe Ansa und Igor Bacovich sowie bei der La Biennale di Venezia unter der Direktion von Marie Chouinard. 

Die Idee zu diesem Filmprojekt stammt von Tanzdramaturgin Alexandra Karabelas. Es ist Teil des vom Land geförderten „Digital Dance Lab“ des Balletts Theater Pforzheim. Nach „Being Human“, einem filmischen Site-Specific-Reenactment des Balletts „Die vier Jahreszeiten“ von Guido Markowitz im Frühjahr 2020 an verschiedenen Orten in Pforzheim sowie dem Trailer zu „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“ in Schwarzweiß-Optik von Mirko Ingrao und dem gestreamten Tanzfilm „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“ von Michael Maurissens setzt das Ballett Theater Pforzheim mit „Eremiten“ seine Beschäftigung mit der Verwandlung neuer Kreationen im Film fort.

Bei der Premiere im Kommunalen Kino am 14. Dezember 2021 wurden zudem Ausschnitte der Bühnenaufführung "Brahms - Glaube Liebe Hoffnung" gezeigt und die Künstlerinnen und Künstler zum Projekt befragt.  Im Anschluss ist der Film "Eremiten" sechs Wochen lang täglich bis Sonntag, 30. Januar 2022, im Schmuckmuseum im Reuchlinhaus zu sehen, wo mehrere Szenen für den Film entstanden sind. Ab Februar 2022 wird der Film auf mehreren Plattformen weltweit online abrufbar sein.