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Stipendiatinnen für 2022 stehen fest

Internationales Stipendienprogramm Designers in Residence

Liina Lember
Liina Lember (©Liina Lember)
Nga Ching Ko
Nga Ching Ko (©Zhixuan Liang)
Welmoed Bosch
Welmoed Bosch (©Robben Fuhler)

Das internationale Stipendienprogramm „Designers in Residence“ bietet bereits zum siebten Mal in Folge drei Nachwuchsdesignerinnen und -designern die Möglichkeit, sich drei Monate lang einem Projekt ihrer Wahl zu widmen und sich dabei mit Kreativschaffenden und Expert*innen zu vernetzen und auszutauschen. „Designers in Residence“ wird seit 2016 von der Stadt Pforzheim in Kooperation mit der Hochschule Pforzheim und dem Design Center Baden-Württemberg ausgeschrieben. Aus über 220 Bewerbungen aus 55 Ländern wählte die hochkarätig besetzte Jury vergangene Woche drei Designerinnen aus, die sich in ihren Projekten mit sehr aktuellen Themen beschäftigen: Welmoed Bosch aus den Niederlanden erarbeitet eine Methode, um die Diversität der Menschen in Schnittmustern abzubilden, Nga Ching Ko aus China/Deutschland thematisiert durch ihren Schmuck die Herausforderungen der Sprache in der interkulturellen Kommunikation, und Liina Lember aus Estland/Großbritannien erforscht die Lichtverschmutzung vor dem Hintergrund des planet centric design. „Uns haben Bewerbungen aus der ganzen Welt erreicht, ich war sehr beeindruckt von der Vielzahl und auch dem hohen Niveau der Bewerbungen“, so Jurymitglied Dr. Karen Pontoppidan.

„Die Corona-Pandemie hat auch enorme Auswirkungen auf Nachwuchsdesignerinnen und -designer, viele konnten aufgrund der Schließung von Universitäten und Werkstätten ihren Abschluss nicht oder mit Verzögerungen machen, durch die Reisebeschränkungen fehlen vielen zudem die internationale Arbeitserfahrung und der Austausch. Wir sind daher sehr froh, dass wir auch 2022 wieder drei herausragenden Designerinnen den Freiraum für die Arbeit an einem unabhängigen Projekt bieten können“, sagt Almut Benkert, Fachbereichsleiterin Kreativwirtschaft beim Eigenbetrieb Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim.

Für die Modedesignerin Welmoed Bosch aus den Niederlanden ist die Art und Weise, wie wir und kleiden, sowohl symptomatisch als auch verantwortlich dafür, wie wir Körper wahrnehmen und beurteilen. Selbst bei maßgeschneiderter Kleidung werden die Maße des Körpers in ein standardisiertes System von Schnittmustern übertragen. Aus diesem Grund möchte sie eine Methode entwickeln, die den realen physischen Körper als Grundlage nimmt anstatt diesen in Mustern zu abstrahieren. „Ich möchte zeigen, dass die bisherigen Techniken der Schnittmustererstellung nicht neutral sind, sondern Idealbildern folgen und will, dass die Menschen die Schönheit in den anatomischen Unterschieden erkennen, die durch Kleidung verdeckt werden“, erklärt Welmoed Bosch. Der Herrenanzug ist für sie beispielhaft für die traditionelle Vorgehensweise, da dieser nach einem männlichen Idealkörper modelliert wurde und den Körper in eine anorganische, kantige Form übersetzt. Die Zeit in Pforzheim möchte sie daher nutzen, um die traditionelle Anzugfertigung mit ihrer anatomischen Schnittmustererstellung zu kombinieren.

„Welmoed Bosch schafft durch ihre Arbeit einen neuen Zugang zur Wahrnehmung von Körpern und der Funktion von Kleidung. Überzeugt hat ihr Ansatz, die Körper der Menschen in ihrer Diversität und individuellen Anatomie in den Vordergrund zu stellen und als Grundlage für eine neue Art der Schnittmusterentwicklung zu nehmen. Schon in ihrem Portfolio, in der Auswahl der Models und der Darstellung ihrer Kollektionen, wird dabei die Ernsthaftigkeit dieses Ansatzes deutlich“, begründet Amelie Gaydoul. Welmoed Bosch hat Modedesign an der Willem de Kooning Academy in Rotterdam studiert. Als Modedesignerin ist sie fasziniert von der Übersetzung der Anatomie in Kleidung. Ihre Arbeitsmethode basiert auf den technischen und haptischen Eigenschaften von Kleidung und multidisziplinärer theoretischer Forschung. Welmoed lebt in Rotterdam in den Niederlanden.

Als Teil eines sozialen Gefüges ist es für den Menschen unerlässlich, mit anderen in Kontakt zu treten. Die Schmuckdesignerin Nga Ching Ko aus Hongkong beschäftigt sich in ihrer Serie „Inclusion“ mit den Nuancen des Ungesagten, die es Menschen in ihrem sozialen Umfeld möglich macht, zu interagieren und akzeptiert zu werden. Dabei lässt sie ihre eigenen Erfahrungen darüber, sich in einem neuen kulturellen Umfeld einzufinden und zu integrieren, in ihre Arbeit mit einfließen. „Meine Arbeiten spiegeln meine persönlichen Erfahrungen wieder, den Druck, der mit der Integration in eine soziale Gruppe einhergeht, sie zeigen den Prozess, dabei Kompromisse einzugehen und die Emotionen wie Widerstand, Kampf oder Wut“, so Nga Ching Ko, die aus Hongkong kommt und seit drei Jahren in Deutschland lebt. In Pforzheim möchte sie sich mit „leeren Worten“ auseinander setzen: „Positive Komplimente sind ein sprachliches Mittel, um Verbindungen zu seinen Mitmenschen herzustellen. Worte wie gut, spannend oder interessant sind dabei nicht immer echte Komplimente, sondern oft leere Worte, die aus Höflichkeit oder zur Vermeidung von peinlichen Situationen gesagt werden. Während meiner Studienzeit in Deutschland habe ich festgestellt, wie selten ich ein negatives Urteil von Mitstudierenden oder Freunden höre – manche Komplimente werden dadurch für mich bedeutungslos“, erklärt Nga Chin Ko. In Pforzheim möchte sie ihre Interpretation von Komplimenten und kulturellen Unterschieden durch ihre Schmuckstücke greifbar machen und dazu mit verschiedenen Materialien wie Metall und Textilien arbeiten.

„Für Nga Ching Ko ist Schmuck eine Form der politischen Ausdrucksweise. Durch ihre kraftvollen Schmuckstücke transportiert sie die Botschaften und kulturellen Unterschiede mit einem schmerzhaften Sarkasmus, der oft erst auf den zweiten Blick sichtbar wird“, so Jurymitglied Karen Pontoppidan. Nga China Ko ist in Hongkong geboren und aufgewachsen. 2014 machte sie ihren Abschluss in Schmuckdesign am Hong Kong Design Institute und ein Jahr später einen Bachelor-Abschluss in Schmuck- und Metallverarbeitung an der Sheffield Hallam University. Nach einer dreijährigen Tätigkeit in der Diamantenindustrie absolvierte sie an der Hochschule Trier, Campus Idar-Oberstein, einen Master in Edelstein- und Schmuckdesign. Führ ihre Abschlussarbeit „Inklusion“ wurde sie mit einem Marzee-Absolventenpreis im Rahmen der Marzee Absolventenschau 2021 ausgezeichnet.

Liina Lember möchte den Aufenthalt in Pforzheim nutzen, um ihre bisherige Arbeit über Beleuchtung in Städten und Farbspektren mit einem Schwerpunkt auf Lichtverschmutzung zu vertiefen und weiterzuentwickeln. „Die Lichtverschmutzung ist ein bisher wenig beachtetes, aber allgegenwärtiges Problem, das Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, zirkadiane Rhythmen und auf Ökosysteme hat“, erklärt Liina Lember. Laut Lember nimmt die Lichtverschmutzung weltweit jedes Jahr um etwa 6 % zu und wird zusätzlich zu den genannten Problemen häufig mit Energie aus fossilen Brennstoffen erzeugt. Aus diesem Grund möchte Liina Lember folgenden Fragen nachgehen: Wie wirkt sich die auf den Menschen abgestimmte Beleuchtung in Städten auf andere Arten und Ökosysteme aus? Welche Rolle spielt dabei das Farbspektrum des Lichts? Und wie können neue technologische Lösungen, wie z. B. Sensoren, auf die Bedürfnisse der verschiedenen Nutzer reagieren und bestehende städtische Beleuchtungssysteme revolutionieren? Während des dreimonatigen Stipendiums möchte Liina Lember dazu eine interaktive Installation sowie eine Broschüre gestalten. „Liina Lember beschäftigt sich mit einem sehr aktuellen Thema, mit dem sich bisher erst wenige Designerinnen und Designer auseinandersetzen. Überzeugt hat dabei ihr Ansatz des planet centric design – sie möchte nicht nur die Auswirkungen von Lichtverschmutzung auf den Menschen untersuchen, sondern legt den Fokus auf nicht-menschliche Arten und Ökosysteme“, begründet Frederike Kintscher die Auswahl der Jury.

Liina Lember ist eine multidisziplinäre Designerin aus Estland, die mit ihrer Arbeit eine Brücke zwischen Wissenschaft, Kunst und Design schlägt. Sie erforscht Themen wie bestehende soziale Normen, Beziehungen zu und Verständnis für nicht-menschliche Nutzer, neue Technologien, Anthropologie, Ökosysteme, Lichtverschmutzung und biologische Vielfalt. Ihr Schwerpunkt liegt auf Experimenten, Forschung und der Hinterfragung des Grenzbereichs zwischen plausiblen Zukunftsszenarios und alternativen Realitäten. Sie schloss 2016 den BA(Hons)-Kurs für Innenarchitektur an der Glasgow School of Art und im Juni 2021 den Kurs für Information Experience Design am Royal College of Art in London ab. Derzeit lebt und arbeitet sie in London.

Die drei Designerinnen werden von April bis Juni 2022 in Pforzheim wohnen und im EMMA – Kreativzentrum Pforzheim an ihren Projekten arbeiten.

Für den Zeitraum des Stipendiums erhalten die Designerinnen eine kostenlose Unterkunft sowie eine monatliche finanzielle Förderung. Darüber hinaus können die Stipendiatinnen die Infrastruktur und die Angebote der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim im Rahmen des Stipendiums nutzen. Im Anschluss werden die Ergebnisse in Ausstellungen im EMMA - Kreativzentrum sowie im Design Center Baden-Württemberg, Stuttgart präsentiert.

Informationen zur Jury

Amelie Marie Gaydoul studierte Modedesign an der Hochschule Pforzheim. Anschließend arbeitete sie bei Norse Projects in Kopenhagen als Menswear Designerin. Seit 2014 ist sie Stipendiatin in der Kreativförderung der Studienstiftung des Deutschen Volkes und absolvierte im Jahr 2019 an der University of Westminster in London ihren MA in Menswear. Seither lebt sie in Paris und war bei Givenchy im MRTW Design Team tätig. Zurzeit arbeitet sie freiberuflich als Menswear Designerin für Unternehmen in London, Paris und Kopenhagen.

Frederike Kintscher hat Industrial Design an der Bergischen Universität in Wuppertal studiert und den Master of Science in Product Design am Art Center College of Design,

Pasadena, CA, USA absolviert. Sie engagiert sich im Verband Deutscher Industrie Designer – VDID e.V. und vertritt diesen seit 2018 im Deutschen Designtag e.V., als Vizesprecherin im Kulturrat e.V. und im BEDA Bureau of European Design Associations, in der Leitung des Rats für Europa/Internationales des Deutschen Designtages. Dabei ist sie eine aktive Mitstreiterin für die Themen Werte, Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung durch Design. Sie betreibt ein eigenes Atelier in Berlin.

Karen Pontoppidan, 1968 in Dänemark geboren, ist eine der renommiertesten Schmuckkünstlerinnen ihrer Generation. Neben zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Museen und Galerien weltweit, ist Karen Pontoppidan auch als Kuratorin und Autorin tätig. Sie ist ausgebildet als Formgeberin für Schmuck und Gerät, Schwäbisch Gmünd 1991, und schloss 1998 das Studium in der Klasse von Prof. Otto Künzli an der Akademie der Bildenden Künste München mit Diplom ab. Von 2006 bis 2015 war sie Professorin für Schmuck und Gerät am Ädellab, Konstfack University College of Arts, Crafts and Design in Stockholm. 2015 wurde Karen Pontoppidan als Professorin für Goldschmiedekunst an die Akademie der Bildenden Künste München berufen. Karen Pontoppidan lebt und arbeitet in München.

EMMA – Kreativzentrum Pforzheim

Das EMMA – Kreativzentrum Pforzheim ist die zentrale Plattform für Pforzheims Kreative. In einem ehemaligen Jugendstilbad an der Enz gelegen, bietet das Kreativzentrum auf einer Fläche von 3.000 Quadratmeter Werkstatt-und Coworking-Arbeitsplätze, Ateliers, Büros und Ausstellungsflächen. Auch die Stadt selbst zeichnet sich durch eine lebendige Kreativszene mit Schwerpunkt auf den Bereich Design aus. Zahlreiche Hochschulabsolventen, Existenzgründerinnen und-gründer, Freelancer und Unternehmen aus der Kreativwirtschaft arbeiten in Pforzheim und beleben den Standort.

„Designers in Residence“ wird unterstützt von der Sparkasse Pforzheim Calw, C. Hafner GmbH + Co.KG, dem Rotary Club Pforzheim-Schloßberg, Witzenmann GmbH, La Biosthétique, Klingel Gruppe und yellow design gmbh.

 

Kontakt:
Alexandra Vogt
Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim
Alexandra.vogt(at)ws-pforzheim.de
07231 39 1874