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Digitaler Lernort Museum Johannes Reuchlin

Das 2008 in einem Neubau an der Schloßkirche eröffnete Museum Johannes Reuchlin (MJR) beschreitet neue Wege der Vermittlung für Schüler*innen.

Das bisherige Angebot analoger, handlungsorientierter Formate soll künftig durch digitale Anwendungen ergänzt und attraktiviert werden. Diese neu entwickelten interaktiven Module knüpfen an der Lebenswelt der Schüler*innen an und gewährleisten durch die Verbindung von Museums- und Medienpädagogik nachhaltige, ganzheitliche Lernerlebnisse. Vorbild für Reuchlin digital ist das museumspädagogische Modellprojekt des Hebelhauses in Hausen (2015 /2016) gewesen.

Projektimpressionen


Meilensteine des Projekts

Oktober 2018: Projektstart

Das vom Innovationsfonds des Landes Baden-Württemberg und von der Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg (ALIM) geförderte Projekt hat eine Laufzeit von zwei Jahren. Projektstart war am 2. Oktober 2018 mit der Konstituierung eines interdisziplinär besetzten Lenkungskreises. Anders als im ursprünglichen Projektantrag formuliert, entschied sich das Gremium  frühzeitig gegen eine lineare und für eine iterative, agile Projektstruktur.

Dezember 2018: Forscherklassen im MJR

In der ersten Projektphase wurden Anfang Dezember 2018 fünf „Forschergruppen“ zur Erkundung ins MJR eingeladen und nach ihren Eindrücken und Wahrnehmungen befragt. Je zwei Schüler*innen wurden von einer museumspädagogischen Fachkraft begleitet. Dabei ging es nicht um Wissensvermittlung, sondern um selbstgesteuerte Raumerfahrungen und daraus abgeleitete Lernmotivationen. Die Probanden haben viele wertvolle Anregungen gegeben und zum Abschluss den Wunsch nach einer normalen Führung im Museum geäußert, der ihnen zeitnah erfüllt wurde.

Januar 2019: Neue Digitale Werkzeuge

Die Auswertung der Fragebögen setzte neue Schwerpunkte, was die inhalts- und prozessbezogener Kompetenzen betrifft, die im MJR gefördert werden sollen.  Danach herrschte unter den Projektbeteiligten Einigkeit, dass Reuchlin digital in erster Linie darauf ausgerichtet ist, „den Ort des MJR in die mentalen Landkarten der Schüler*innen einzuschreiben“ (Dr. Thomas Schmidt). Eine weitere zentrale Komponente der Auseinandersetzung der Schüler*innen mit dem MJR ist das Thema Medienbildung und die Erlangung von Medienkompetenz im Zeitalter der Digitalisierung. „Das Lebenswerk Reuchlins eignet sich als thematischer Anker, um die Metaprozesse der Digitalisierung und Mediatisierung besser zu verstehen und gleichzeitig Werte- und Kompetenzdiskussionen zu Themen wie Freiheit, Würde, Mitmenschlichkeit usw. anzustoßen.“ (Daniel Autenrieth) Ziel ist es, analoge Face-to-Face Vermittlung mit der kreativen Gestaltung interaktiver Aufgaben zu verknüpfen, um neue, ganzheitliche und lebensweltbezogene Lernprozesse mit hoher Eigenmotivation und Selbststeuerung in Gang zu setzen.

Das Projektteam rückt von der anfänglich intendierten Idee ab, dass die Schüler nach dem Motto Bring Your Own Device ausschließlich ihre eigenen Smartphones im Museum benutzen. Speziell Tablets haben sich in den letzten Jahren nicht nur zu einem effizienten Arbeitswerkzeug in unterschiedlichen professionellen Kontexten entwickelt. Gerade im Bildungsbereich zeigt sich die Stärke von Geräten, welche Kamera, Audiorekorder, Scanner und die unterschiedlichsten Applikationen für verschiedene Anwendungsszenarien in einem leicht zu bedienenden und sehr portablen Formfaktor vereinen. Deshalb ziehen wir jetzt auch die Anschaffung von Tablets in Betracht, um mit den Schüler*innen zu arbeiten. Dieser Mehraufwand wird möglicherweise dadurch wettgemacht, dass wir anders als in der ursprünglichen Planung  vorgesehen, durch die bereits bestehenden Anwendungen und ihre Modifizierung für Reuchlin digital vermutlich Kosten in der Umsetzung durch Agenturen sparen.

April 2019: Kooperation mit der PH Ludwigsburg

Die kurzfristig sich ergebende Chance einer Kooperation mit Lehramtsstudierenden der PH Ludwigsburg unter Leitung der Dozentin Anja Marquardt und Daniel Autenrieths im April 2019 eröffnete dem Projekt ungeahnte Möglichkeiten. In einem Blockseminar zum Thema Medienbildung entwickelten die Studierenden auf der Basis der ausgewerteten Fragebögen und museumspädagogischer Impulse erste kleine digitale Prototypen, die einerseits den Ort, andererseits Exponate mit Botschaften Reuchlins in Szene setzen.

So lieferte etwa die App Action-Bound die Grundlage einer kreativ-schöpferischen Auseinandersetzung mit der noch aus Reuchlins Lebzeiten stammenden „Wand des Humanismus“. Damit ebnet sie den Weg in ein weit zurückliegendes Zeitalter. Mit den klassischen Methoden der kulturellen Bildung, die auf ästhetisch-sinnliche Weltzugänge setzt, wird diese offensichtlich vom Zahn der Zeit gezeichnete Wand zur Folie für neue Lernerfahrungen, bei denen sich Raum und Zeit, Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen und intensive Bildungserlebnisse garantiert sind. Im dritten Lenkungskreis am 30.04.2019 waren sich alle Teilnehmer diesbezüglich einig und informierten sich gespannt über die interaktiven Entwicklungen der Studierenden. Etwa wie sich mit einem Filmclip-Tool Rollenspiele wie das Streitgespräch von Reuchlin und Pfefferkorn aufzeichnen lassen. Die Idee eines Leuchtkastens wurde geboren, auf dem mit Setzbuchstaben „Deine Botschaften zu Reuchlin“ in Twitter-tauglichen Drei-Wort-Sätzen ausgedacht werden. Auch die Suche nach und die Beschäftigung mit Reuchlin-Zitaten durch kalligrafisches Schreiben liefert sinnlich-ästhetische Zugänge zur Gedankenwelt des Humanisten.

Mai 2019: Erprobung neuer Konzepte

Der erste Testlauf von vier mit museums- und medienpädagogischen Fragestellungen verbundenen digitalen Prototypen am 20.  Mai 2019 mit einer der fünf Forschergruppen - in Anwesenheit der Lehramtsstudierenden - war ein überwältigender Erfolg! Er macht Mut, den beschrittenen Weg weiterzugehen, und die enge Kooperation „auf Augenhöhe“ mit allen am Projekt Beteiligten fortzusetzen.

Dennoch bleiben noch viele Fragen offen und weitere Aufgaben zu lösen: darunter die drängende Frage nach der Implementierung einer solchen Veranstaltung an einem „dritten Ort“ im Bildungsplan-und Unterrichtskontext; und die Frage nach der unterrichtlichen Vor- und Nachbereitung durch das pädagogische Fachpersonal der Schulen. Wie können wir den Lehrer*innen den Mehrwert eines Besuchs des Lernorts MJR vermitteln, der den Aufwand einer außerschulischen Aktivität rechtfertigt? Wo sehen Lehrer*innen diesen Mehrwert? Ihre Einschätzung, die als nächstes zeitnah in einer Befragung ermittelt wird, ist von zentraler Bedeutung für das Projekt.

Grundsätzlich ist das Projekt Reuchlin digital fächerübergreifend und interdisziplinär angelegt. Es bietet ein weites Spektrum transformatorischer Lernprozesse.  Ein großer Mehrwert neben der bildungsplanrelevanten Wissensaneignung in den Disziplinen Geschichte, Religion/Ethik, Deutsch, Latein, Gemeinschaftskunde ist fraglos die medienpädagogische Kompetenzerweiterung der Schüler*innen in diesem Projekt. Auch die informellen Methoden der ästhetischen, kulturellen Bildung generieren Bildungszuwachs. Die Verknüpfung dieser drei Kompetenzstränge formeller, informeller kultureller und digitaler Bildung macht das innovative Potential des vorliegenden Projekts aus.