Inhalt

Kulturfernwanderweg "Hugenotten- und Waldenserpfad"

Der Kulturfernwanderweg „Hugenotten- und Waldenserpfad“

Mit dem Edikt von Fortainebleau, das unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV am 18. Oktober 1685 proklamiert wird, ist der Höhepunkt der Verfolgung einer religiösen Minderheit im katholischen Frankreich erreicht, der Hugenotten, so die seit etwa 1560 gebräuchliche Bezeichnung für die französischen Protestanten calvinistischer Richtung. Das Edikt bestimmt u. a. die Zerstörung aller reformierten Kirchen im Land, ein Gottesdienstverbot und die Aufforderung an die reformierten Prediger, sich zur katholischen Religion zu bekehren oder das Land zu verlassen. Obwohl einer der Artikel darin ausdrücklich die Auswanderung der Bevölkerung protestantischen Glaubens verbietet, verlassen ca. 170.000 Hugenotten ihre Heimat und fliehen in die umliegenden protestantischen Länder.

Ein ähnliches Schicksal ereilt die Waldenser, deren Bezeichnung auf den französischen Kaufmann Waldes aus Lyon zurückgeführt wird, der im Jahre 1176 sein bisheriges Leben mit dem eines Wanderpredigers tauscht. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts existieren zwei waldensische Großgruppen, die sogenannten Armen von Lyon und die Lombardischen Armen.1532 schließen sich die Waldenser der Reformation an und gründen eine eigene reformistische Kirche, wobei sie einige ihrer Grundsätze aufgeben wie z. B. die Ablehnung jeden Eides und jeglicher Gewaltanwendung. Sie waren die ersten christlich motivierten Kriegsdienstverweigerer. Die Waldenser leben in den sog. Waldensertälern westlich von Turin zwischen Pinerolo und der auf über 3000 m Höhe verlaufenden französischen Grenze. Durch Konflikte mit dem katholischen römischen Adel fliehen sie in französisches Gebiet und in die unzugänglichen Alpen von Savoyen.

1687 zwingt der Herzog von Savoyen die Waldenser, sich entweder zum katholischen Glauben zu bekennen oder das Land zu verlassen. Widerstände werden niedergeschlagen, die Überlebenden verhaftet und dann in die Schweiz abgeschoben.

Zwischen den Jahren 1685 und 1715 werden über 140 000 Waldenser und Hugenotten in der Schweiz aufgenommen, womit das protestantische Land vollkommen überfordert ist. Der niederländische Gesandte in der Schweiz, Pieter Valkenier, kümmert sich als Flüchtlingsbeauftragter der protestantischen Regierungen in Europa um die Weitervermittlung der Flüchtlinge. So setzte er sich u. a. für die Ansiedlung von Waldensern im Königreich Württemberg ein. Auch der Badische Markgraf ist daran interessiert, „eine französische Kolonie von Handwerkern und Handelsleuten“ nach Pforzheim zu holen.

Am 16. Juli 1700 unterzeichnet  Markgraf Friedrich VII. Magnus die von Valkenier ausgehandelten „Privilegien“. Dabei handelt es sich um einen Vertrag über Rechte und Pflichten der Flüchtlinge in Pforzheim. Die französische Kolonie unter ihrem Sprecher Elie Lafont umfasst 60 Personen. Festgehalten wird, dass sie innerhalb der Bürgerschaft eine eigene Gemeinde bilden mit eigener Gerichtsbarkeit. Für die zu bauenden Häuser werden Plätze und das Baumaterial vom Markgrafen zur Verfügung gestellt. Steuerfreiheit für 20 Jahre wird ihnen zugebilligt.

Umgekehrt verpflichten sich die französischen Siedler, bei denen es sich zum großen Teil um Handwerker, Manufakturarbeiter und Fabrikunternehmer handelt, zur Errichtung von Unternehmen, wie einer Gold- und Silberwahrenfabrik, einer Strumpffabrik, einer Gerberei, einer Tuch und Zeugfabrik sowie einer Hutfabrik.

Hieran ist ersichtlich, dass der Markgraf sich von der Ansiedlung der hugenottischen Siedler in dem im sog. pfälzischen Erbfolgekrieg von der französischen Armee dreimal niedergebrannten Pforzheim den Aufbau von Fabriken und Manufakturen erhofft. Etwas anders läuft im Pforzheimer Umland die Entwicklung.

Fast zur gleichen Zeit, als im badischen Pforzheim die hugenottische Gemeinde entsteht, werden im östlichen, damals zu Württemberg gehörenden Pforzheimer Umland von Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg ca. 2000 hugenottische und waldensische Flüchtlinge angesiedelt. Vor allem letztere kommen aus bäuerlichen Strukturen. Der Herzog erhofft sich neben der Wiederbesiedelung des durch den Krieg zerstörten Landes auch wirtschaftlichen Fortschritt durch neue Produkte wie den Tabakanbau oder die Seidenproduktion. Es entstehen neue Siedlungen wie Corres, Großvillars, Kleinvillars, Perouse, Pinache und andere. Die „Welschen“ sind nicht gerne gesehen und so bleiben sie in Ihren Siedlungen lange Zeit unter sich.

Auch in Pforzheim sind die „Reformierten“, die Anhänger der calvinistischen Glaubensrichtung sind, anfangs nicht gern gesehen. Die fremde Sprache, die Privilegien und nicht zuletzt das Wissen darum, dass es Franzosen waren, die Pforzheim im zurückliegenden Krieg fürchterlich geplündert und gebrandschatzt haben, schüren Vorurteile gegenüber den Neusiedlern. Aber die Neuerungen, die mit der Ansiedlung der Fremden einhergehen, wirken sich mit der Zeit positiv auf die Gemeinde aus. So wie in den ländlichen Umlandgemeinden der Stadt die Einführung der Kartoffel oder der Futterpflanze Lucerne, so sorgt in Pforzheim die Gründung neuer Betriebe für wirtschaftliche Belebung.

Ab 1704 führen Simon Cavaillier, Pierre Louis und Theophile Paret das Hutmachergewerbe in Pforzheim ein. Sie machen den Import von Hüten guter Qualität aus dem Ausland überflüssig. Louis und Paret übernehmen in der reformierten Gemeinde Aufgaben als Kirchenvorsteher und Diakon.

Das Ehepaar Laffon gründet 1707 eine Perückenmanufaktur. 1779 arbeitet der Hugenotten – Nachkomme Pierre Louis Jourdan als Geselle bei dem einheimischen Perückenmacher Wildersinn, das Gewerbe hat sich also etabliert.

Im gleichen Jahr eröffnen Alexande Icher und J. J. Bougine´ eine Zuckerbäckerei. Icher ist viele Jahre Kirchenvorsteher in der Gemeinde.

In Räumen des Schlosses wird 1718 eine Tabakfabrik von Hugenotten gegründet. Insassen des Waisenhauses verarbeiten und verschicken den Tabak in die ganze Markgrafschaft. Offensichtlich wegen schlechter Qualität und einem Überangebot an Tabak im Land hat das Unternehmen jedoch keinen Bestand.

Es kommt zu weiteren Unternehmungen durch Hugenotten wie die Gründung einer Kerzengießerei, einer Handschuhmanufaktur zur Erzeugung von Glacehandschuhen aus Leder, eines Barbierladens und einer Strumpffabrik.

Letztere, 1730 gegründet von Jean Henri Bousanquet de Benezet und seinen Teilhabern Jean Griot und Pierre Jourdan, alle Mitglieder der reformierten Gemeinde, gibt zeitweise bis zu 130 Weisenhausinsassen Arbeit.

Auch bei einer politischen Auseinandersetzung tauchen die Namen französischstämmiger Mitbürger auf. 1726 eskaliert ein Konflikt zwischen dem Markgrafen und den Pforzheimern, die sich weigern, dem Landesherrn den Treueeid zu leisten und höhere Steuern zu bezahlen.

Sie berufen sich dabei auf Privilegien aus dem Jahre 1491. Neben dem Sattler Mitschdörfer ist
es der Barbier Lacoste, Mitglied der reformierten Gemeinde, der als „Rädelsführer“ beschuldigt und zusammen mit Mitschdörfer im Rathaus inhaftiert wird. Sofort organisiert ein „Haufen Weiber“ einen heftigen Krawall im Rathaus unter tatkräftiger Beteiligung von Frau Lacoste. Es wird von einem „Höllenspektakel“ und „Tätlichkeiten“ gesprochen und es kommt zur Befreiung der inhaftierten Männer. Die Geschehnisse gehen als sog. „Weiberkrawall“ in die Stadtgeschichte ein.

Mit dem „Privileg“ für Jean Fracois Autran aus Orange sowie Amede Christin und Jean Viala aus der Schweiz zur Gründung einer Fabrik für Uhren und feine Stahlwahren im Jahre 1767 beginnt die Geschichte der Pforzheimer Schmuck und Uhrenindustrie, die später rund 30.000 Menschen Arbeit geben wird. Die Genannten sind Hugenotten bzw. Nachkommen von Hugenotten aus der Schweiz und treten sofort der reformierten Gemeinde in Pforzheim bei. In der Folge arbeiten dort eine Reihe von „Ausländern“, die französische und englische Namen tragen und Mitglieder der reformierten Gemeinde werden.

Die Zahl der Mitglieder der reformierten Gemeinde schwankt stark. Der Gottesdienst findet zu Anfang in Privatwohnungen statt. Ab 1718 kann die Gemeinde die St. Georgskirche in der Südstadt nutzen, da diese mit der Einrichtung des Waisen-, Toll-, Kranken-, Zucht- und Arbeitshauses im Waisenhaus frei wird. Danach dient die Barfüßerkirche, vom Markgrafen zur Verfügung gestellt, der Gemeinde als Gotteshaus, wo erstmals 1763 der Gottesdienst in deutscher Sprache gehalten wird. 1768 schenkt der Markgraf  die Kirche der reformierten Gemeinde. Zunehmend kommen auch Waldenser aus dem Umland nach Pforzheim, arbeiten in der Industrie und treten der Gemeinde bei.

Die Pforzheimer Gemeinde wächst bei allem Auf und Ab nicht wesentlich über 60 Mitglieder hinaus, was auch die Pfarrstelle zu einer schlechtbezahlten Stelle macht. Im Jahre 1821 vereinigen sich in Baden die lutherische und die reformierte Kirche zur Union. Am 1. November 1827 beendet Pfarrer Kilian in Pforzheim die Kirchenregister mit dem Eintrag: „Somit sind die Bücher der ehemals reformierten Gemeinde geschlossen, und von nun an, da die ehemalige reformierte und die ehemalige lutherische Gemeinde sich vereinigt haben, sind die Kasualien (Taufe, Konfirmation, Heirat und Begräbnis) in den Kirchenbüchern der evangelischen Stadtpfarrei eingetragen“.

Anknüpfungspunkte für den Hugenotten und Waldenserpfad: Auguste-Viala-Strasse, Henri-Arnaud-Weg, Barfüßerkirche, Waisenhausplatz, Schlossberg und das Stadtmuseum mit der Darstellung des Weiberkrawalls.

Diese Zusammenfassung beruht in wesentlichen Teilen auf der Jubiläumsschrift von Gerhard Brändle: 300 Jahre Waldenser und Hugenotten in Pforzheim.

Horst Frisch