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Würm und das Adelsgeschlecht der Leutrums - Vortrag von Franz Littmann

Das Leutrumsche Wappen zeigt einen springenden Steinbock

„Halt hart an mir“.
So heißt der Wahlspruch der reichsunmittelbaren Freiherren, Leutrum von Ertingen. Nach der Überlieferung soll ein Leutrum seinen wankenden Männern dies auf dem Schlachtfeld zum Weiterkämpfen zugerufen haben. Wie weiter berichtet wird, habe er sie damit zum Sieg geführt.
Urkundlich zum ersten Mal erwähnt wurde das Rittergeschlecht, dessen namensgebender Ursprung eine Burg auf einer Anhöhe beim Dorf Ertingen (Kreis Biberach) ist, im Jahre 1106.
Der erste Leutrum, der nach Pforzheim – im Jahre 1436 – kam, war Paul Leutrum. Er wurde von Markgraf Jakob I. zum Vogt, also Bürgermeister, der Stadt Pforzheim berufen. Bereits drei Jahre später kaufte er einen Teil von Eutingen, er erwarb ein Haus in Pforzheim und heiratete Anna, die Schwester des Markgrafen. In den Besitz des Dorfes Würm und der Burg Liebeneck kam er im Jahr 1466. Karl I., der Sohn des Markgrafen Jakob I., hatte – etwas salopp ausgedrückt – politisch aufs falsche Pferd gesetzt und war in Geldnöte geraten. Deshalb verpfändete er Paul Leutrum die Nutznießung des Dorfes Würm und der Burg Liebeneck für 800 rheinische Gulden.

33 Jahre später, im Jahr 1499, übergab Markgraf Christoph dem Sohn von Paul Leutrum, Ludwig Leutrum von Ertingen, die Burg Liebeneck samt dem Dorfe Würm mit „Leuten, Gütern, Be[e]ten, Steuern, Zinsen, Gefällen, Gerichten, Freveln, Einungen, Diensten und Frondiensten, Wald, Wasser, Aeckern usw.“ (Pflüger, S. 174) als Erblehen.
Seitdem sind die Leutrum die Ortsherren von Würm. In ihrem reichsunmittelbaren Miniaturstaat regierten sie mehr als 300 Jahre lang – bis 1534 mussten sie allerdings das Recht der Nutznießung (u. a. Frondienste, den Zehnten, das Recht, Bau- und Brennholz aus dem Hagenschieß zu beziehen ,das Recht, dort 20 Schweine zu halten, usw.) mit dem Kloster Hirsau teilen. Bis 1534, dann wurde in Württemberg die Reformation eingeführt.

Möglicherweise mit der Sympathie der Leutrum für reformatorische Ideen und Bestrebungen hängt es zusammen, dass 1534 die Besitzrechte des Klosters Hirsau in Würm endeten und die Familie Leutrum diese Besitzrechte erwarb. Ein früher Anhänger der „reformatorischen“ Erkenntnisse Luthers war jedenfalls Georg Leutrum, ein Sohn oder Neffe von Ludwig, auf alle Fälle aber ein Enkel von Paul Leutrum. Von ihm wissen wir, dass er sich 1519 an der Universität Wittenberg immatrikulierte und mit dem Pforzheimer Theologen Johannes Schwebel befreundet war. Wie sein Jugendfreund Melanchthon, der zum wichtigsten Mitstreiter Luthers avancierte, war auch Johannes Schwebel (1490-1540) ein Schüler der bedeutenden Pforzheimer Lateinschule gewesen (seit 1509) und hatte 1519 begonnen, als erster in Pforzheim im Sinne der Reformation zu predigen. 1522, und jetzt kommt wieder Georg Leutrum ins Spiel, verfasste und druckte Schwebel einen „Sendbrief“. Er wollte damit seinen evangelischen Standpunkt darstellen bzw. verteidigen. Im Vorwort dieser Schrift wird auch Georg Leutrum erwähnt. Johannes Schwebel ermahnt nämlich seinen Pforzheimer Freund, den „edlen vesten und wolgelehrten Junker Georg Luthrumern“, er solle auf keinen Fall das „kleine Häuflein der Evangelischen“ in Pforzheim im Stich lassen. Diese Ermahnung des Georg Leutrum zeigt zweierlei: Zum einen, dass es in Pforzheim Anhänger der Lehre Luthers gab und zweitens, dass von ihnen Standhaftigkeit verlangt wurde. Was wiederum mit der wechselhaften, wenn auch „wohlwollenden“ Neutralität des Markgrafen Philipp (er starb im Jahr 1533) als auch seines Nachfolgers Ernst von Baden-Durlach (er starb 1553), zusammenhing. Als beispielsweise der katholische Kaiser die Verwendung der Lutherbibel, die seit 1527 erlaubt gewesen war, wieder verbot, beugte sich Markgraf Ernst dieser Anordnung, nahm aber gleichzeitig den verheirateten Priester Johannes Ungerer unter seinen besonderen Schutz. Die Markgrafen von Baden waren, Fragen der Religion betreffend, unentschieden. Ihr Standpunkt war: Solange ein Konzil die Frage des Rechts auf freie Religionsausübung nicht eindeutig geklärt habe, hätten die Protestanten in ihrem Territorium dieses Recht. Eine Klarstellung in dieser Hinsicht erfolgte im Jahr 1555 in Augsburg. Andersgläubige mussten, nach dem dort beschlossenen Religionsfriedensgesetz (cujus regio, eius religio) das Gebiet, in dem der Herrscher bestimmte, was seine Untertanen zu glauben hatten, verlassen. Ob von Würm jemand ins Exil gehen musste, ist nicht bekannt. Etwas außerhalb der historischen Fakten, aber durchaus interessant, ist, was Karl Ehrmann in seinem Würmbuch von einem Bruder des Ludwig Leutrum berichtet: Einer Sage zufolge soll dieser bei seiner Werbung um die Tochter des auf der Burg Rabeneck, also Burg Weißenstein, hausenden Ritters Christoph von Ehingen wegen seines wüsten Lebenswandels abgewiesen worden sein. „Daraufhin habe er das Mädchen geraubt und zu Pferde entführen wollen. Doch beim Überschreiten des Nagoldsteges sei dieser durchgebrochen, Roß und Reiterin seien in die hochgehende Nagold gestürzt. Das Fräulein soll zwar gerettet worden, an den Folgen des Sturzes aber verstorben sein. Ihr Vater habe später zu ihrem Andenken den heute noch [auf einem Felsblock nahe dem Nagoldufer] stehenden Bildstock setzen lassen.“ Soweit die Sage. Tatsächlich fällt die Entstehungszeit des Bildstocks (1491) in die Zeit der Lehnsherrschaft der Burgherren von Ehingen. Vermutlich war der bereits oben erwähnte Georg Leutrum der Sohn dieses „sagenhaften“ Wüstlings.

Offiziell begann auch in Würm das Zeitalter der Reformation im Jahr 1556, wie in der gesamten Markgrafschaft Baden-Durlach. In Würm war man damit zwar evangelisch. Weiterhin ungeklärt blieb aber die kirchenrechtliche Zuständigkeit der Leutrum, was mit der Unbestimmtheit des Begriffs „reichsunmittelbar“ zusammenhing. Im Verlauf der 300-jährigen Herrschaft der Leutrum in Würm kam es deshalb immer wieder zu Streitereien, bei denen es hart auf hart herging. Als im Jahr 1643, d. h. fünf Jahre vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, Pforzheim besetzt von bayrischen Truppen und damit katholisch war, gab es im ganzen Oberamt nur noch drei evangelische Pfarrer.
Deshalb bestellte der Würmer Lehnsherr Ernst Friedrich I. (1616-1703), Vater von Ernst Ludwig (1655-1734), den Öschelbronner Pfarrer und besoldete ihn. Aus der Perspektive der Altstadtpfarrei war das eine Anmaßung bzw. ein Außerkraftsetzen ihrer angestammten Rechte als Mutterkirche. Ernst Friedrich Leutrum fühlte sich jedoch im Recht und berief sich darauf, dass durch den Erwerb der Hirsauer Besitzungen im Jahr 1534 auch das Kirchenrecht in Würm auf die Familie Leutrum übergegangen sei. Aus demselben Grund war Ernst Friedrich Leutrum auch nicht bereit, Kirchenvisitationen aus Pforzheim zuzulassen. Ein Ausdruck seines diesbezüglichen religiösen und dynastischen Selbstverständnisses und seiner „reichsunmittelbaren“ Existenz war sicher die Wahl der Grablege in der Würmer Kirche. Mit den Bestattungen in Würm, die urkundlich seit 1659 nachgewiesen sein, folgten die Leutrum den neuen repräsentativen Bestattungsformen, die auch andere fürstliche Familien – in Pforzheim z. B. ist das Hochgrab von Markgraf Ernst und seiner Gemahlin Ursula das älteste fürstliche Grabdenkmal im Stiftschor der Schlosskirche – an ihren Residenzorten wählten.
Die Grablege sollte den Herrschaftsanspruch von Ernst Friedrich Leutrum markieren. Ein Widerspruch dazu war natürlich die Absicht des Pforzheimer Generalsuperintendenten, eine Kirchenvisitation in Würm durchzuführen. Wenn jemand das Recht dazu habe, dann sei er es, Ernst Friedrich Leutrum.
Es ist nicht bekannt, wie dieser Konflikt gelöst wurde. Im Jahr 1672 kam es zu einer Neuauflage. Georg Heintz, dem Würmer Schultheißen, war vom Pforzheimer Obervogt befohlen worden, zur Kirchenvisitation zu erscheinen. Ernst Friedrich Leutrum, der den Standpunkt vertrat, der Pforzheimer Obervogt habe dazu kein Recht, verbot seinem Schultheißen, zur Kirchenvisitation anzutreten. Zeitweilig gab es etwas Ruhe im Kirchenstreit, doch 1735 – der Ortsherr Ernst Ludwig, dessen Epitaph (Gedenktafel mit Inschrift) sich in der Würmer Kirche befindet, war ein Jahr zuvor verstorben – lebte er erneut auf. Der Sohn von Ernst Ludwig, Philipp Christoph (1700-1785), betrachtete nämlich die Würmer Kirche als sein Eigentum und verwehrte deshalb dem Altstadtpfarrer und dem Mesner den Eintritt in die Kirche. Auch in diesem Fall ist nicht bekannt, wie der Streit ausging.

Mit einer Niederlage für die Leutrum endete einige Jahre zuvor (1728) eine kirchenrechtliche Auseinandersetzung. Weil Ernst Ludwig in der Bußtagswoche den beiden Würmer Wirten zur Kirchweihe die Erlaubnis zum Tanzen gegeben hatte, musste „Martin Meisenbacher daraufhin... 10 Reichstaler Strafe“ bezahlen (Ehrmann, S. 49). Es war ein für damalige Verhältnisse recht teures Tanzvergnügen. Als sich Ernst Ludwigs Ehefrau Friederike Juliane ein Jahr vor ihrem Tod im Jahr 1741 entschloss, ihren Besitz unter ihre noch lebenden Kinder zu verteilen, verlegte ein Teil der Linie ihre Wirkungsstätte auf die Nippenburg bei Schwieberdingen. Der Sohn von Friederike Juliane, Christoph Philipp (1700-1785), erhielt Würm und die Burg Liebeneck. Seine Jugendzeit verbrachte er wie die Geschwister auf der Nippenburg. Schon früh trat er als Kammerherr in die Dienste des Markgrafen von Baden. Er wurde am Ende seiner Karriere sogar der Oberhofmeister von Karl Friedrichs Gemahlin Karoline Luise. Ihre umfangreichen Sammlungen – u. a. ließ sie mehr als 3300 Bände über Literatur, Kunst, Geschichte, Theologie und Philosophie, über Botanik, Zoologie, Medizin und Physik aus ihrem Privatvermögen anschaffen und sammelte Gemälde vor allem niederländischer und französischer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts – bilden heute den Grundstock der Karlsruher Kunsthalle, des Naturkundemuseums und der Badischen Landesbibliothek.

Als Voltaire, Goethe, Klopstock, Herder, der österreichische Kaiser Josef II. oder der russische Zar Paul den Karlsruher Hof besuchten und mit Markgräfin Karoline Luise ein Schälchen Kaffee tranken, war Philipp Christoph Leutrum mit dabei. Waren es seine guten Beziehungen zur Markgräfin Karoline Luise und zum Karlsru-her Hof, die Philipp Christoph in den Auseinandersetzungen mit seinen Würmer Untertanen den Rücken stärkten? Natürlich wissen wir viel zu wenig über die damalige Situation. Aber wenn man das Kapitel liest, das Karl Ehrmann in seinem Würmbuch dem Streit um „den Würmer Land-, Pfund- und Krautzoll (1741-1769)“ widmete, entgeht einem keineswegs das Kleinliche, Rechthaberische, wenig Kompromissbereite von Philipp Christoph. Man sollte jedoch bedenken, dass es ihm in diesem Streit um mehr ging als um ein paar Kreuzer mehr oder weniger beim Kaufzoll oder um mehr oder weniger Erbauungsstunden beim Würmer Lehrer. Es ging um seinen Status als Freiherr, genauer: um seine „reichsunmittelbaren“ Rechte in Würm, die ja bei jedem Konflikt in Frage gestellt wurden. Außerdem muss man Philipp Christophs Neigung, genaue Zahlen und Berichte über die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Würm zu bekommen, als ein Ergebnis seiner rationalen Grundsätze sehen, die seinen Ruf als Vertreter eines „aufgeklärten“ Absolutismus rechtfertigten. Vielleicht orientierte er sich an der Regierungspraxis seines Vorgesetzten, des Markgrafen Karl Friedrich von Baden. Von ihm weiß man, dass er in der Theorie Wert darauf legte, auf die Gedanken und Beweggründe seiner Beamten und sogar seiner Bauern zu hören, in der Praxis jedoch eifersüchtig seine eigene Autorität hütete und ärgerlich jede Einmischung in seine Entscheidungen zurückwies.
Um was also ging es beim Würmer „Land-, Pfund- und Krautzollstreit“?
Schon im zweiten Jahr seiner Zeit als Ortsherr ließ Philipp Christoph einen Zollstock errichten, der mit dem Leutrumschen Wappen – ein Steinbock mit rückwärts gebogenen Hörnern – und der Aufschrift „Leutrumscher Pfundzoll“ versehen war. Gleichzeitig führte er neue Zollgebühren ein. Er verlangte jetzt 7 Kreuzer Kaufgeld vom Gulden, während sein Großvater Ernst Friedrich 2 Kreuzer genommen hatte. Auch einen Krautzoll führte er ein. Prompt gab es Beschwerden. Durch den überhöhten Zoll, so hieß es, seien die Würmer gegenüber den Nachbarorten nicht mehr konkurrenzfähig. Insbesondere beim Viehhandel.
Da es im benachbarten Gemmingschen Gebiet (Steinegg, Tiefenbronn, Mühlhausen, Neuhausen) keinen Vieh- und Krautzoll gab, kauften dort die Händler ein und nicht mehr in Würm. Auch der Krautanbau, so klagte der Würmer Schultheiß Christoph Müller, sei zurückgegangen.
Daraufhin beschwerte sich Philipp Christoph Leutrum über die Unverschämtheit seiner Untertanen. Der Streit eskalierte im Jahr 1761. Weil seine Würmer Bauern das Bezahlen des Zolls nicht einsehen wollten, ließ er sie verhaften. Nach sechs Tagen im Gefängnis veranlasste aber die badische Regierung ihre Freilassung. Auch die Inschrift am Zollstock musste Philipp Christoph ändern. Sie lautete jetzt: „Hochfürstlich Baden-Durlachischer Lehens-Pfund-Zoll“ und statt des Wappens der Leutrum zierte der badische Fürstenhut den Zollstock. Was aber Philipp Christoph nicht davon abhielt, den Pfundzoll „rücksichtslos“, wie es heißt, „einzustreichen.“ Als jedoch immer neue Klagen und Beschwerden nach Karlsruhe kamen, wurde der Zollstock beseitigt und man verlangte die Zölle zur Hälfte den Käufern und Verkäufern ab. Ähnlich steil wie die seines Vaters Philipp Christoph am Karlsruher Hof verlief auch die Karriere seines Sohnes Karl Ludwig (1739-1796). Zuerst war er Kammerherr, später sogar Obersthofmeister von Karl Friedrichs Schwiegertochter, der Erbprinzessin Amalie. Von ihr sagte Napoleon nach seinem Besuch in Karlsruhe, sie sei „der einzige Mann am badischen Hof.“
So richtig einordnen kann man die Tatsache, dass Amalie Karl Ludwig Leutrum als ihren „treuesten Freund“ bezeichnete, erst dann, wenn man eine Vorstellung vom Beziehungschaos am Karlsruher Hof hat, das dort herrschte. In wirklich wichtigen Angelegenheiten fand die Erbprinzessin keine Stütze an ihrem Mann. „Kindlich“ – Amalie meinte sogar: „kindisch“ – wie Karl Ludwig von Baden war, drückte er sich um jede Entscheidung herum, bis er 100-prozentig sicher sein konnte, dass er im Sinne seiner Eltern handelte. „Egal, was er eben noch seiner Frau versprochen hatte: Wenn der Markgraf oder die Markgräfin mit den Fingern schnippten, war alles Vorherige hinfällig“. (Borchardt-Wenzel, S. 168).
Karl Ludwig muss ein Meister der Diplomatie gewesen sein, denn seine ehrgeizige Vorgesetzte schaffte es trotz der Machtkämpfe und Intrigen am Karlsruher Hof, dass fünf ihrer Töchter, eine hübscher wie die andere, durchweg glänzende Partien machten und diese verwandschaftlichen Verbindungen für Napoleon bei der Neuordnung Deutschlands eine wichtige Rolle spielten: sie gelangten u. a. auf die Herrscherthrone Russlands, Schwedens und Bayerns und machten Amalie zur „Schwiegermutter Europas“.

Überhaupt nichts von Frauen verstand dagegen Karl Ludwigs Bruder Friedrich Wilhelm Reinhard. 1764 machte dieser die Bekanntschaft der 16-jährigen, bildschönen und mit Sicherheit klugen Freiherrin Franziska von Bernerdin. Bereits bei der zweiten Begegnung machte der zwerghaft verwachsene Reinhard ihr einen Heiratsantrag. Dieser wurde aber abgewiesen. Daraufhin ließ der tief verletzte Reinhard zu hohen Preisen die Hypotheken ihres verschuldeten Vaters aufkaufen. Als nunmehr einziger Gläubiger wiederholte er 1865 die Werbung vom Vorjahr. Vor die Alternative gestellt, den Vater zum Bettler zu machen oder Reinhard Leutrum zu heiraten, gab Franziska ihr Jawort. Kurz nach der Hochzeit erklärte sie jedoch ihrem Ehemann, dass „wenn er seinen Gattenrechten nicht entsage, sie der Öffentlichkeit“ seine verbrecherische Tat „rücksichtslos enthüllen werde“.
Reinhard fügte sich zähneknirrschend, machte aber ihr Haus in der Pforzheimer Reuchlinstraße 9 (heute: Technisches Rathaus) zum Gefängnis. Als sie ausnahmsweise ihren Vater in Wildbad besuchen durfte, gelang es ihr, die Bekanntschaft des württembergischen Herzogs Carl Eugen zu machen. Dieser wiederum verliebte sich in Franziska und machte ihren Ehemann zu seinem Reisemarschall. Was zur Folge hatte, dass Franziska und Reinhard Leutrum nach Ludwigsburg übersiedelten. Als Reinhard von Carl Eugens Neigungen für Franziska erfuhr, legte er sofort sein Amt als Reisemarschall nieder und verließ mit seiner Ehefrau Ludwigsburg. 1772 erfolgte die Scheidung und Franziska wurde die Mätresse von Carl Eugen, der von seiner Ehefrau seit Jahren getrennt lebte. Um dieses Verhältnis zu legalisieren, und darauf insistierte Franziska, musste Carl Eugen, der ja als gnadenloser Despot bekannt war, viele Zugeständnisse machen. Eine Scheidung des Katholiken von seiner Ehefrau bzw. eine Aufhebung des Heiratsverbots, mit dem Franziska als schuldiger Teil seit ihrer Scheidung belegt war, konnte nämlich nur mit dem Einverständnis der evangelischen Kirchenregierung in Württemberg erfolgen. Franziska war für das protestantische Konsistorium ein wahrer Glücksfall. Carl Eugen war vom Konsistorium abhängig und damit beeinflussbar. Franziska, die man zur Reichsgräfin von Hohenheim gemacht hatte, packte die Gelegenheit beim Schopf und mäßigte, zähmte, verwandelte ihren Ehemann im Sinne ihrer pietistischen Freunde und Gönner. Statt für Mätressen und Opernsängerinnen interessierte sich der württembergische Herzog jetzt für moderne Pädagogik und die Ideen von Jean Jacques Rousseau. Friedrich Wilhelm Reinhard lebte noch ein halbes Jahrhundert als einsamer Sonderling und fand seine Grablege in der Würmer Kirche (1820). Der einzige Verwandte, der bei seiner Beerdigung anwesend war, war übrigens sein Neffe, der von ihm enterbte Karl Ludwig Friedrich (1791-1852).

Die Gruft war im Jahr 1760, als die Würmer Kirche nach Westen verlängert wurde, angelegt worden. Vermutlich auf Initiative von Friederica von Gaisberg, der Schwester von Philipp Christoph Leutrum. Sie wurde darin als erste bestattet (1771). Neben ihr später (1784) ihr Sohn, der badische Forstmeister Carl Albrecht von Gaisberg, an den der Lärchenstein im Hagenschieß erinnert. Carl Albrecht von Gaisberg, dessen Grabstein sich ursprünglich in der Gruft befand und heute an der Rückwand der Würmer Kirche steht, hatte dort auf Befehl des badischen Markgrafen Karl Friedrich eine Anpflanzung von Lärchenbäumen betrieben.

Die Herrschaft der Familie Leutrum in Würm endete im Jahr 1806. Napoleon hatte dafür gesorgt, dass alle „reichsunmittelbaren“ Gebiete „mediatisiert“ wurden, wie man diese gewalttätige Enteignung und Entrechtung nannte. Endgültig geklärt wurden aber die Verhältnisse in Würm erst 1828. Das Leutrumsche Lehen wurde durch einen Vergleich aufgelöst und die Familie Leutrum für die Abtretung ihrer Rechte an den badischen Staat entschädigt.

Ein Nachkomme der in der Würmer Kirche bestatteten Mitglieder der Familie Leutrum in direkter Linie ist der am 10. Oktober 1931 geborene Karl Magnus Graf von Leutrum – die Grafenwürde bekam ein Bruder seines Großvaters im Jahr 1884 verliehen. Er hat vier Kinder, Franziska Sophie (* 1962), Norwin Philipp (* 1964), Daniela Katharina (* 1966) und Clemens Hubertus (* 1970) und neun Enkelkinder. Seit 1981 wohnt er mit seiner Gemahlin Gioia Gräfin Leutrum auf der Nippenburg bei Schwieberdingen. Dort betreibt der Nachfahre der ehemaligen Herren von Würm Land- und Forstwirtschaft. Auf dem Hofgut Mauer (bei Korntal-Münchingen) beschäftigen sich die Leutrum zum Beispiel intensiv mit dem Thema Bioenergie. Verkauft werden Holzpellets, getrocknetes Qualitäts-Kaminholz, Holzhackschnitzel aus Waldrestholz und Rollrasen. Wie schon seine Vorfahren engagiert sich Karl Magnus Graf Leutrum in vielfältiger Weise und in zahlreichen Organisationen für die Allgemeinheit. 2008 erhielt er für seine ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Politik (u. a. Mitglied des Ludwigsburger Kreistages, seit 1994 und des Schwieberdinger Gemeinderats, seit 1999), in der Kulturszene (u. a. Gründungsmitglied des Freundeskreises Museum zur Geschichte der Christen und Juden in Laupheim sowie stellvertretender Vorsitzender des Freundeskreises des Schiller-Nationalmuseums und des deutschen Literaturarchivs Marbach) und auf dem Gebiet der Ökologie (u. a. Vizepräsident des Verbands der Jagdgenossenschaft und Eigenjagdbesitzer) das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Dieser Vortrag wurde von Franz Littmann anlässlich des Besuchs der Grafen Leutrum am 02.02.2014 zur Matinee anlässlich der Buchvorstellung „750 Jahre Würm 1263-2013 – Geschichte, Kunst und Streuobstwiesen“ in der Würmtalhalle gehalten.

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